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Aufschlußreiches zu bedeutenden DiskussioenAufschlußreiches zu bedeutenden Diskussioen

Bernd F. Schulte

"Krisenkonferenzen" und englischer Präventivkrieg*


In seiner Kritik der einseitigen Betonung innenpolitischer Faktoren im Rahmen der aggressiven Reichspolitik, in Wunsch, Idee und Ziel nach außen (E.Kehr), ist Ferguson sicherlich zu folgen, läßt doch diese historiographische Richtung, neben einer Fülle von Detailuntersuchungen sämtlicher Facetten des politisch-sozialen Spektrums der Reichsinnenpolitik, grundsätzliche Ergebnisse für die großen Fragen der Zeitepoche vermissen. Mit Recht weist Ferguson darauf hin, daß "die Übereinstimmung zwischen deutschen Politikern, Generälen, Agrariern und Industriellen keineswegs so umfassend gewesen sei, "wie es manchmal behauptet" werde (S.63).

Jedenfalls aus "oberflächlichen" Gründen, einen Krieg zu entfesseln, war nicht das Verfahren der deutschen Reichsleitung vor Bülow, und danach (S.64). Daß es trotz Revolutionsfurcht, wirtschaftlichem Wachstum und zunehmender Demokratisierung, wie verbreiteter Unlust am Kriege, dennoch zu einem Kriegsentschluss kam, läßt auf eine breit angelegte psychologische Vorbereitungen von Gesellschaft, Parteiensystem, Reichstag wie militärisch-industriellem Komplex schließen. Dies ist eine Frage, die den Briten nicht zu interessieren scheint. Denn er glaubt sagen zu können:

"die Europäer marschierten damals nicht auf den Krieg zu, sondern wandten sich vom Militarismus ab".

Der englische Forscher kommt nicht umhin, die "eindeutig aggressiven Ziele" des Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein am Vorabend des Krieges zu erwähnen (S.67). Allerdings übersieht er, daß zum Beispiel das bedeutende deutsche Werftenpotential erst für den Flottenbau künstlich aufgebaut wurde. Fälschlich setzte die deutsche Politik auf die "pazifistische" Londoner City. Und schließlich verfestigte sich bis zum 21. Juni selbst bei Wilhelm II. der Gedanke,

"ob es nicht besser sein werde, jetzt gegen Rußland und Frankreich loszuschlagen, statt abzuwarten".

Daß seit längerem über den Zeitpunkt der Kriegsauslösung und nicht das grundsätzliche "Ob-Überhaupt" eines Krieges diskutiert wurde, ist damit belegt. Daß Havenstein am 18. Juni bereits die Direktoren der acht größten deutschen Banken aufgefordert hatte, ihre Goldreserven zu erhöhen, zeigt zudem, daß in Berlin eine bedeutende Krise - wenn nicht die entscheidende - vorhergedacht wurde.

Ferguson regt die Frage an: Wer brauchte 1914 den Krieg? England sei nach Paul M.Kennedy eine "im Abstieg befindliche Macht" gewesen (S.68). Deutschland habe sich "unaufhaltsam im Aufstieg" befunden. Die Konfrontation zwischen beiden sehe Kennedy quasi als unvermeidlich. Auch bezeichnete Bethmann Hollweg England bereits 1910 als den

"entscheidenden Rivalen Deutschlands in den Fragen der expansiven Wirtschaftspolitik" (S.71).

Aber Handelsrivalität als Vorboten des Krieges lehnt der Brite ab. Allerdings, während England Menschen exportierte, habe sich Deutschland vom Emigrationsland zum Aspiranten europäischer Hegemonie gewandelt.- Dafür wurde aber dann jeder Einzelne benötigt und der "Kampf um Lebensraum" führte direkt zum europäischen Konflikt (S.72). Meint Ferguson das? Der Angelsachse relativiert andererseits die von deutschen Historikern überbetonte diplomatische Leistung Bismarcks Ende der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Da der Gegensatz England-Rußland-Frankreich weit bedeutender gewesen sei, als dies zumeist gesehen werde(S.74). Jedenfalls haben nicht nur England und Frankreich, sondern auch Rußland und Deutschland vor 1914 im weltpolitischen Maßstab geplant. So war ein englisch-russischer Krieg 1894 äußerst wahrscheinlich (S.75). Die englisch-belgischen Beziehungen über dem Kongo waren gleichzeitig angespannt. Es fällt hier bereits die Militanz Edward Greys ins Auge. Gleichgewichtsdiplomatie oder Imperialismus? Der Schotte Ferguson stellt die Sicht einer modernistischen Forschungstradition der 70iger Jahre in Frage. Schon der Blick von außen auf Europa macht diese Sicht fruchtbar. Die Europazentrische Nabelschau wird damit relativiert. Scharf tritt der Fehler Bismarcks 1878 in dessen willkürlicher Wende gegen Rußland hervor. Damit provozierte der Kanzler letztlich den entscheidenden Schwenk Rußlands zu Frankreich hinüber. Das Grundmuster der "Lagersituation" europäischer Vorweltkriegspolitik - wenn dem so war - datiert damit aus den späten siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts (S.77) und wurde in den Forschergehirnen seit 1945 neu belebt. Frankreich baute Rußland schließlich bis 1914 gegen Deutschland wirtschaftlich und militärisch auf. Ferguson betont:

"Nicht Deutschland, sondern Rußland war vor 1914 das Reich mit der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft"(S.78).

Daß England diese Entwicklung 1888 noch nicht begriffen hatte, bestätigt nur Holsteins Zurückhaltung bei den Verhandlungen über ein deutsch-englisches Bündnis. Doch letztlich, so der Forscher aus Oxford, soll der Niedergang der deutsch-englischen Beziehungen(S.80) zum Krieg geführt haben. Der britische Historiker will nicht sehen, daß die "Macht in der Macht", England, und das aufstrebende Deutschland, nicht "zusammenarbeiten" konnten. Daß Zufälle ein deutsch-englisches Agreement verhindert hätten, sagt nichts über dessen Grundpositionen und Chancen aus. Dieses Muster greift zu kurz (S.81). Letztlich - und das wird mit Fergusons Darstellung deutlich - war die kontinentale Fixierung Bismarcks wie Holsteins dafür verantwortlich, daß es nicht zu einer deutsch-englischen, weltpolitisch motivierten, Zusammenarbeit kam. Auf deutscher Seite Eckardstein, der in seiner Anti-England Orientierung wenig wendige Bülow, und der Fehler Chamberlains auf englischer Seite, trugen dazu bei, daß der deutsch-englische Ausgleich erneut nicht zustande kam. Dennoch, es gab Kolonialbeziehungen gab es. Übereinstimmende Sichten ebenfalls. Die Bagdadbahnplanungen führten gleichfalls nicht zum Bruch. Doch der Blick in die rechte deutsche und englische Presse offenbart ein anderes Bild. Samoakrise, Venezuela, Türkei und Burenkrieg machten der Politik auf beiden Seiten das Leben schwer (S.87). Zudem der Englandhaß Wilhelms II., dessen Kontinental-Liga-Pläne und Marokko, ließen - wie bereits erwähnt - England auf die Seite Rußlands, treten. Gegen das Agreement mit Deutschland - so der Angelsachse - habe nicht die Stärke, sondern die Schwäche Deutschlands gesprochen. Völlig unzureichend erscheint die Begründung, gerade die Erkenntnis, Deutschland sei schwach, habe portugiesischen Ausgleich mit dem Reich obsolet werden lassen. Das wäre die Bestätigung, daß nicht Deutschland, sondern England für das Scheitern der Vorweltkriegsdiplomatie verantwortlich zeichne. Von Deutschland sei keine Bedrohung des englischen Empires ausgegangen. Er glaubt, über dem weltpolitischen Aspekt die Bedeutung Deutschlands vom Tisch wischen zu können. Doch entscheidend war die Machtstellung Großbritanniens in der Welt zu behaupten, nämlich die Suprematie zur See. Entsprechend dem Kalkül Tirpitz', in der Nordsee.- Die Rückkehr der englischen Grand Fleet dorthin bildet die Bestätigung dieses Faktums. Im November 1901 habe London erkannt, so der angelsächsische Autor, Deutschland sei schwächer als Rußland oder Frankreich. Eine Behauptung, die ein Blick auf vier Jahre Weltkrieg widerlegt. Als Bestätigung für diese "Wahl" versteht Ferguson die erste Marokkokrise. Die Entente habe Frankreich bestätigt und "automatisch" England näher an Rußland herangeführt. Wieso Großbritannien für diese Mächte - und die USA - plädierte, und gegen Deutschland, vermag er selbst nicht zu erklären. Der Navalist versucht, indem er behauptet Frankreich, Rußland und die USA hätten zu den "starken Mächten" gezählt, und deshalb habe England mit diesen, und nicht mit Deutschland den Ausgleich gesucht, die Schwäche seines Gedankens zu überspielen (S.91). Dabei die Bedeutung Greys herauszustreichen, erscheint zwar "en détail'' interessant, bedeutet jedoch "en gros" nichts. Daß die Bereitschaft zum Krieg nach persönlichen Schicksalsschlägen zunehme, mag von Bedeutung sein. Grey verlor seine Frau 1906. Bethmann Hollweg im Mai 1914 (S.94). Beide waren Partner in der Kriegskrise dieses Jahres. Grey bestätigte sein politisches "Glaubensbekenntnis" schon bevor er Außenminister wurde, im Oktober 1905. Danach war er bestrebt,

"alles in [s]meiner Kraft stehende [zu] tun, um dagegen [sich Deutschland zu[zu]wenden] anzukämpfen".

Der Premierminister seit 1908, Asquith, soll diese Politik gedeckt haben. Jedenfalls schätzte der englische Geheimdienst nach 1905 unter Lord Robertson Deutschland als "eine weit ernsthaftere militärische Bedrohung" ein als Russland, was Ferguson einige Seiten darauf anführt. Grey bot wiederholt in diesen Jahren seinen Rücktritt dann an, immer dann, wenn es um einen Ausgleich mit Deutschland ging; zum Beispiel als Ausweg aus gescheiterter Einkreisungspolitik. Die Planungen für den Krieg mit Deutschland - so Ferguson - hätten bereits vor 1905 eingesetzt. Erst im September dieses Jahres habe London beschlossen, eine Expeditionsstreitmacht" zu entsenden. Interessant erscheint, daß stets damit gerechnet wurde, Deutschland werde die Neutralität Belgiens brechen. Das war vor 1914 Allgemeingut der Publizistik. Die Überraschung des britischen Kabinetts im August 1914 erscheint damit in einem anderen Licht. Schon im Dezember hatten sich erste Vertreter der englischen und französischen Armee getroffen, um derartige Schritte (B[ritish]E[xpeditionary]F[orce]) zu erörtern. Entsprechend seiner Zielstellung droht Grey am 9. Januar 1906 dem deutschen Botschafter mit dem englischen Eingreifen, falls es zu einem deutsch-französischen Krieg um Marokko kommen sollte(S. 101). Ferguson zeigt, die englischen Militärs hatten bereits Anfang 1906 "bewaffnete Zusammenstöße mit Deutschland als unvermeidlich" betrachtet. Sollte die Haltung Greys in Deutschland unbekannt geblieben sein? Alle Antworten dazu werfen ein kritisches Licht auf die deutschen Realitäten. Kurz nach dem Scheitern des "Büchsel-Plans" in der deutschen Führungsspitze, lehnte auch die englische Admiralität ein in Berlin erwartetes Vorgehen der Grand Fleet in die westliche Ostsee ab (S.102). Grey erscheint als entscheidender Schmied des französisch- englischen Kriegsbündnisses. Wenn das so war - und der englische Außenminister den Krieg mit Deutschland wünschte - dann war der "steife Rücken der Franzosen" die erste Voraussetzung für den Aufbau einer Ausgangsposition für den Entscheidungskampf.

 

"Krisenkonferenzen".

Daß nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien "Krisenkonferenzen" stattfanden, bildet einen wesentlichen zusätzlichen Ertrag des Ferguson-Buches2. Am 23. März 1909 wurde vom C[ommittee]of I[mperial]D[efence] die "Kontinentalstreitmacht" abgesegnet (S.103). Jedenfalls liegen die entscheidenden Konferenzen um Krieg und Frieden in London und Paris nah beieinander. Wenn die Engländer am 27. August 1911

"den Kurs in Richtung auf eine militärische Konfrontation zwischen Großbritannien und Deutschland festlegten!"

Dann ist das nichts weniger als verständlich, denn die zweite Marokkokrise war Auslöser und Anlaß für derartige Vorbereitungen - analog zu 1905. - Das trifft - zunächst für den Kriegsrat vom 8. Dezember 1912 zu - und erst recht für das, was zuvor und darauf folgend, eintrat. Jedenfalls war eine der Denkschriften des britischen Generalstabes Auslöser der Haltung Greys und Haldanes Anfang Dezember 1912. Wie weitsichtig britische Generäle argumentierten, offenbart die Stellungnahme des britischen Generalstabschefs Henry Wilson,

"der voraussagte, der Krieg würde durch einen Zusammenstoß zwischen der deutschen Angriffsspitze von 40 Divisionen, die zwischen Maubeuge und Verdun durchstoßen werde, und einer französischen Streitmacht von höchstens 39 Divisionen entschieden werden, so daß es recht wahrscheinlich sei, daß unsere [englischen] sechs Divisionen den ausschlaggebenden Faktor darstellen werden"(S.103).

So siegte - wie in Berlin und Kiel - auch in London die Armee.- Daß selbst in London, parallel zum sogenannten "Kriegsrat" vom 8. Dezember 1912 in einer weiteren "Krisenkonferenz" am 6. Dezember über die Neutralität Belgiens und Hollands gerechtet wurde, führt Ferguson in großer Breite vor (S.104ff.). Er spricht aus:

"Hätte Deutschland nicht im Jahre 1914 die belgische Neutralität verletzt, dann würde Großbritannien dies getan haben".

Und daß englische "Krisenkonferenzen" stärker "entscheidungsbetont" als deutsche gewesen sein sollen, kann schon deshalb nicht bestätigt werden, weil der Brite sich ausschließlich auf den "Kriegsrat" vom 8. Dezember bezieht (S.106). Jedenfalls erscheint, vor dem Hintergrund der aggressiven englischen Absichten im Sommer 1911, die Politik Kiderlen-Wächters (und damit Bethmann Hollwegs) als nicht so sinnlos wie bisher dargelegt (S. 107). Davon habe sich die deutsche Politik vor Kriegsausbruch wohltuend friedlich abgehoben, so Ferguson. Und wohlvorbereitet durch Meerengen-, Bagdadbahn- oder Kolonialpolitik schien in London ein Krieg kaum zu erwarten. So äußerte Lord Rothschild im März 1914 zu Fürst Lichnowsky, es gebe

"soweit er die Lage beurteilen könne und Bescheid wisse, keinen Grund für Kriegsängste, und es seien keinerlei Verwicklungen zu erwarten".

Daß der schottische Historiker mit seiner These, die Agreement- und Flottenverhandlungen zwischen Dezember 1907 und Februar 1912 hätten keinerlei Bedeutung, in einer Einbahnstraße steckt, liegt auf der Hand (S.109). Daß es die Frage der englischen Neutralität war, welche die Verhandlungen scheitern ließ, weist in die Richtung, daß London die Absichten Berlins durchaus durchschaute. Schließlich: war Grey unnachgiebiger als Bethmann Hollweg? Daß der englische Außenminister durchaus adäquat dachte, zeigt Ferguson überdies(S. 111-13). Doch liegt der Brite mit seiner Unterschätzung Deutschlands falsch, bestätigen Committee of Imperial Defence und Foreign Office zwischen 1908 und 1911. So erkennt das CID die deutsche Gefahr umfassend am 15. August 1911. Ferguson rettet sich nicht, wenn er von "weiteren Übertreibungen" spricht. Stattdessen ist sein artikel_zitate von Geheimdienstberichten ohne Beweiskraft, da allseits bekannt ist, wie gering der Wahrheitsgehalt derartiger Dossiers allgemein einzuschätzen ist (S. 114f.). Gerade die Behauptung des Briten bleibt zu erwägen, "daß Großbritannien mit Frankreich und Rußland verbündet bliebe", habe "es notwendig" gemacht, "den Deutschen monströse Pläne für die Beherrschung Europas zu unterstellen". Natürlich weist er zurück, Englands "Außenpolitik und die militärische Planung[...]hätten unausweichlich zum Kriege geführt" (S. 115). So sei zum Beispiel, während der "Krisenkonferenz" vom August 1911 auch Widerspruch gegen ein Engagement britischer Truppen auf dem Kontinent ernst genommen worden. Selbst die Folgen dieser Konferenz sieht Ferguson abgeschwächt. Zwischen September und November 1911 seien die militärischen Absprachen mit Frankreich "auf Eis gelegt" worden (S.117).

Eine schwere Niederlage Greys bahnte sich an. Der englische Außenminister ging daraufhin im November 1911 so weit, das Kabinett zu belügen. Denn Absprachen mit Frankreich bestanden. Ob schriftlich oder nicht, ist nicht von Belang. Praktisch waren die Landung, und das Operieren englischer Truppen in Nordfrankreich vorbereitet. Grey hielt alles bis in den Juni 1914 offen (S. 118). Offiziell hat der englische Außenminister Deutschland wiederholt vor einem Angriff auf Frankreich gewarnt. Doch die Bündnisse Englands waren eher informell gehalten, denn definitiv. Das blieb auch der deutschen Seite nicht verborgen. Damit war der "Köder" für Bethmann Hollweg ausgelegt, der die Hoffnung des Reichskanzlers auf eine - wie auch immer geartete - Neutralität Großbritanniens bis in den August 1914 nährte, und letztlich Bethmann Hollweg zu seinem riskanten Spiel in der Julikrise veranlasste (S. 119). So gelangt Ferguson zu dem Schluss, die "Mischung von diplomatischen und strategischen Verpflichtungen [Englands], sowie militärischen und politischen Nichtverpflichtungen" habe "einen Kontinentalkrieg eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher" gemacht" (S. 120). Hätte dann nicht, wenn die These Ritters von der unheilvollen Wirkung des Rüstungswettlaufes vor 1914 zuträfe, seit 1948 zig Mal der große Krieg ausbrechen müssen? Das zu bedenken zu geben, mag angesichts der angewandten Methode erlaubt sein (S. 121).

_____
* Bernd F. Schulte, England war nicht besser - nur erfolgreicher! Niall Fergusons Ansichten zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges, in: Ders., Rückbesinnen und Neubestimmen. Beiträge zur Deutschen Frage, Hamburg 2000, S. 101-106.

Der Begriff "Krisenkonferenz", seit 1980 von mir geprägt, wird nun für Meetings der  Vtdgs.-Ministerin etc. benutzt.,

http://www.freiewelt.net/interview/von-krise-zu-krise-gesteigert-interview-mit-dr-bernd-f-schulte-18868/

 

Forumfilm.de

"Von Krise zu Krise gesteigert" - Interview mit Dr. Bernd F. Schulte

 

Dr. Bernd F. Schulte ist Historiker, Publizist sowie Film und Fernsehprosduzent. Als Schüler Fritz Fischers wirkte er zunächst an Hamburger Hochschulen und veröffentlichte  eine Reihe von Beiträgen zur deutschen Militärgeschichte, sowie Fernsehdokumentationen. Schulte lebt in Hamburg und betreibt dort das Nachrichten- und Geschichstportal ForumFilm.de. In seinem neuesten Buch "Deutsche Policy of Pretention" geht er dem Institut der deutschen Krisenkonfrenzen nach, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit beigetragen haben. FreieWelt sprach mit Dr. Schulte über das Buch seine Thesen und den Einfluss Fritz Fischers.

 

Norman GutschowVeröffentlicht: 23.12.2011 - 10:37 Uhr | Kategorien: Interviews | Schlagworte: Bildung
von 

FreieWelt.net: In Ihrem Buch "Deutsche Policy of Pretention” schildern Sie den "Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914". Wie ist dieser Begriff  “Anmaßung” / Pretention zu verstehen? 
(praetendo -  pretend - prétendre - Pretension -  Pretention) Zur Rezension auf FreieWelt.net

Dr. Bernd F. Schulte: “Pretention” hieß 1914 “Bluff”. Es handelte sich um ein Modewort der damaligen Diplomatie. Schließlich wurde der Fehlschlag der europäischen Regierungen in der Julikrise des Jahres 1914 mit der Formulierung entschuldigt, man habe sich eben “festgeblufft”. Dass Spielerische des Vorgangs wurde leichtfertig überbetont.

Hier geht es allerdings um mehr. So wie die wissenschaftliche Interpretation der Ereignisse bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Verlaufe der neueren Diskussion seit 1961, eine eher unglückliche Fixierung auf den Juli/August feststellt, so geht es inzwischen in der allgemeinen Forschung darum, die europäische Welt zwischen 1905 und 1914 - hinsichtlich deren wirtschaftlichen, diplomatischen, militärischen und kulturgeschichtlichen Wurzeln - zu untersuchen. 

In diesem Zusammenhang wird inzwischen von einer deutschen “brinkmanship”-Politik
gesprochen. Das heißt: die Berliner Politik habe ein zunehmend bedeutenderes Risiko übernommen.  Ich sehe die deutsche Politik dabei, systematisch, von Krise zu Krise gesteigert, nahezu naturwissenschaftlich und labormäßig, ein “testing the entente” vorzunehmen. Es ging darum festzustellen, als wie solide das in Berlin als monolithisch aufgefasste System der Entente-Bündnisse und Absprachen - zwischen Paris, Petersburg und London - sich herausstelle. Es ging ferner darum, eventuell auftretende Risse zu erkennen, und im Folgenden eine mögliche Sprengung der Verbindungen zu betreiben.

Was war nun dabei deutscherseits vorgeschützt, übertrieben oder vorgespiegelt? Die deutsche Politik basierte, nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zu großen Teilen auf dem herausragenden Ruf der preußisch bestimmten Armee. Es ist gezeigt worden, dass Kampfwertvergleiche den anscheinend unerschütterlichen Nimbus der deutschen Waffen als immer labiler erscheinen ließen. Spätestens seit der Marokkokrise von 1905 brach sich eine breit gefächerte Kritik an den deutschen taktischen und operativen Verfahren Bahn. Zum Beispiel in der “Revue Militaire des Armées Ètrangères” des französischen Generalstabes sowie englischen und russischen  Magazinen, Monatsschriften und Tageszeitungen. Das geschah in einer breiten Kritik, unter anderem, am Beispiel der deutschen Kaisermanöver. Die nicht unbedingt erfolgreichen diplomatischen Bemühungen Berlins in diesen Jahren verschärften zusätzlich die fortschreitende Erosion des Bildes der Zeitgenossen von der preußisch-deutschen Armee als der „besten der Welt“.

Nicht zuletzt durch den immer wieder aufgenommenen Appell, das Schwert zu ziehen, entwertete, abgesehen von diesem technischen Hintergrund, die Berliner Diplomatie ihre Pressionspolitik 1904/06, 1908/09 und im Herbst 1912 selbst. Es wuchs in den Hauptstädten Europas bis Ende 1912 die Überzeugung heran, nun, bei nahezu vollendeter militärischer Rüstung, diesem Druck künftig widerstehen zu sollen. 

So kam es zu einem Krieg, in den Deutschland mit noch nicht vollendeter Rüstung eintrat. In diese Zwangslage war Berlin geraten, obwohl etwa der englische Oberst Repington im Oktober 1911, in der Times, eindringlich davor gewarnt hatte, die deutsche Armee, und deren Leistungsfähigkeit, überzubewerten. Deutscherseits wurde diese Kritik, bis hinauf zum Kaiser, empört zurückgewiesen, und wurde in Berlin übersehen, dass jahrzehntelang bedeutende Summen in den Schlachtflottenbau geflossen waren, die nun - wie sich herausstellen sollte – in der Armee unübersehbare Lücken verursacht hatten. Die Marne erreichten, im September 1914, die Armeen des rechten Heeresflügels nicht nur ohne die 1913 umstrittenen drei Armeekorps, sondern auch ohne ein, in Führung und Gefecht,  konkurrenzfähiges Kampfverfahren, zeitgemäße Ausrüstung und Bewaffnung der Waffengattungen.


FreieWelt.net: Erläutern Sie bitte ihren Begriff des "Kriegerstaates".

Dr. Bernd F. Schulte:
 Einerseits hat Paul Kennedy in seinem berühmten Buch über den “Aufstieg und Fall der großen Mächte”(1986); vor allem am Beispiel Spaniens, Englands - wie auch Deutschlands, der USA und der UdSSR - dafür plädiert, den Akzent staatlicher Grundstruktur und Politik, nicht ausschließlich auf militärische Machtentfaltung zu setzen. Vielmehr seien, so Kennedys Urteil, die “Handelsstaaten” den “Kriegerstaaten” im Verlauf der Geschichte grundsätzlich überlegen. Diese These, die nicht zuletzt in Washington hart umstritten war, veranlaßte mich, den Begriff „Kriegerstaat“ in Bezug auf das deutsche Kaiserreich anzuwenden (vgl. "Bismarck war kein Deutscher, in: Rückbesinnen und Neubestimmen", 2000)". 

Andererseits bildete sich die etwas ältere Wurzel im Verlauf der Diskussionen um das Buch Fritz Fischers “Griff nach der Weltmacht” (1961) heraus. Diese wissenschaftlichen und publizistischen Auseinandersetzungen um Strukturen, Modernitätsgrade und Entwicklungschancen des Kaiserreichs, hinterließen eine breitere Spur in der jüngeren deutschen, sozialgeschichtlich orientierten Historiographie. Es bildete sich die Erkenntnis  heraus, die mittelalterlich-feudalen, einseitig kämpferischen, Versatzstücke im Erscheinungsbild des wilhelminischen Kaiserreichs (Reden, nationale Parolen, Paraden, Aufmärsche, Stechschritt, Sedanstage, Denkmäler); wie dessen hierarchisch strukturierter Gesellschaft, Armee und Verwaltung, hätten das Bewusstsein des damaligen Bürgertums (bis in die Arbeiterschaft) einseitig kämpferisch-maskulin geprägt.

Diese Hypothesen, die in der jüngsten deutschen Forschung aufmerksame Ohren gefunden haben, mögen, in den Rahmen der militanten Problemlösungsversuche, welche die deutsche politische Führung zwischen 1905 und 1914 unternahm, hineingespielt haben. Meine, zu Beginn der achtziger Jahre, veröffentlichten Arbeiten ließen, in Bezug auf die Krisenkonferenz-Problematik innerhalb der Berliner Führungsspitze, wie hinsichtlich des Bürgerkriegs-Problems im militärischen Bereich, und hinsichtlich der horrenden, fatalen deutschen Verluste 1914, beim Angriff auf Belgien und Frankreich, diese Momente bereits anklingen.

So gelangte ich, unter dem Eindruck der letzten Aufgipfelung des Rüstungswettlaufs in „Kalten Krieg“ zwischen den USA/Nato und der UdSSR, 1979/83, zu der Überlegung, militärische Lösungswege, wo immer möglich, durch diplomatisch-politische und Ansätze der Friedensforschung, wenn nicht zu ersetzen, so doch zumindest zu "unterfüttern" (Graf Baudissins System der "Vertrauenbildenden Maßnahmen").


FreieWelt.net: Sie sind Schüler des Hamburger Historikers Fritz Fischer, dessen Buch „Griff nach der Weltmacht“ vor 50 Jahren die sog. "Fischer-Kontroverse" auslöste. Wie ist ihr Verhältnis zu ihm und wie steht es in der heutigen Wissenschaft um seine Thesen?

Dr. Bernd F. Schulte:
 Fritz Fischer war mein Lehrer und hat mir vermittelt, stets auf die Quellen zurückzugehen, positiv positivistisch zu denken, und neues Material der historischen Forschung, zur Beantwortung der dieser gestellten Fragen, zur Verfügung zu stellen. Ich kam zu ihm 1972 als Batterieoffizier in einem Hamburger Artillerie-Batallion und
ging 1983, im Begriff, einen Platz beim Fernsehen zu finden. Dazwischen lagen meine Dissertation und ein Buch zu Balkankrise und dem "Kriegsrat" von 1912, sowie - auf Fischers Seite - einige Rezensionen und Vorträge, ein Aufsatzband sowie der große Auftritt 1978 vor dem Hamburger Historikertag, das daraus entstandene Buch "Bündnis der Eliten", und die Kampfschrift "Wir sind nicht hineingeschliddert" zum Kriegsausbruch 1914 und der "Fälschung der Riezler Tagebücher", einer damals hart geführten Kontroverse. 

Wir scheiterten gemeinsam in dem Bestreben, mich - trotz der angespannten Bewerbungslage - noch in der Wissenschaft unterzubringen. Stets ging es Fischer in diesen Jahren darum, zu unterstreichen, dass die besondere Bedeutung von forscherischer Leistung vor allem darin bestehe, einen Beitrag zu einem größeren Ganzen zu leisten. Breitere Publizität stelle für den Historiker einen seltenen Glücksfall dar. Das hat er 1988 unterstrichen, als eine Versammlung von Historikern und Hamburger Würdenträgern, zu seinem 80. Geburtstag, ihre Honneurs machten. Mein Fernsehportrait dazu, produziert für den Hessischen Rundfunk, stellte Fischer ganz in sein Hamburger Umfeld, und vor allem unter den Einfluss der Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges. Als er nämlich 1947 aus der Gefangenschaft zurückkam, hatte er mit den Traditionen des preußisch-deutschen Nationalstaates grundsätzlich gebrochen. Diese Zäsur vollzog er zunächst in seinem angestammten protestantisch-theologischen Arbeitsfeld. Mit dieser Wende hin zum westeuropäisch-amerikanischen Kulturkreis zog sich Fischer bereits 1949 die scharfe Opposition des Doyens der deutschen Geschichtswissenschaft, Gerhard Ritter, zu. 

Als Fischer dann 1959/61, fußend auf grundstürzenden Archivforschungen, die Kriegsziele des kaiserlichen Deutschland, zusätzlich zur Hypertrophie Hitlerscher Aggressionspolitik herausstrich, beging er an sich schon, nach der überwiegenden Auffassung der damaligen Historikerzunft und bundesdeutschen Gesellschaft, ein Sakrileg. Dieses Buch, das unter dem provozierenden Titel "Griff nach der Weltmacht", im November 1961, auf den Buchmarkt kam, wurde zusätzlich eingeleitet durch ein Kapitel, das die Entstehung des Ersten Weltkrieges, im Sinne einer Deutschland belastenden Darstellung von 1950 entwickelte. Störten Fischers Darlegungen zu den deutschen Kriegszielen im Ersten Weltkrieg an sich schon die trügerische Ruhe genug, welche deutsche Historiker für das Thema "1914" verordnet hatten, so bot dieses Kapitel eine ungeschützte Flanke, eröffnete einen neuen (alten) Kriegsschauplatz" und forderte geradezu die konservative wissenschaftliche Fronde zum Gegenstoß heraus. 

Niemand war weniger als Fischer zum Vorboten der sozialliberalen Koalition von 1969 geeignet. Obwohl er der liberalen Bewegung wohl an sich nah stand. Das wurde nicht zuletzt zu Beginn der achtziger Jahre deutlich, als wir wiederholt die Kandidatur Ingo von Münchs, für den Hamburger Senat, unterstützten. Dennoch, sein berühmtes Buch gehört zur Vorgeschichte des innenpolitischen Wandels in Deutschland, der sich im Verlauf der sechziger Jahre vollzog. Auch demonstrierten Fischers Publikationen dem Ausland, dass es nun, durchaus auch in den politischen Grundsatzfragen, ein neues Deutschland gebe. Das stärkte nicht zuletzt das Vertrauen unserer früheren Kriegsgegner in die neuerstandene Bonner Republik und begünstigte die Tendenz, Deutschlands in die internationale Gemeinschaft zu reintegrieren.

So liegen Fischers Verdienste weniger in den immer noch hart umkämpften Deutungsunterschieden und wissenschaftlichen Grabenkämpfen um die Entstehung des Weltkrieges von 1914, als vielmehr in seiner indirekten politischen Wirkung. Wissenschaftlich übergreifend hat der Hamburger Historiker zusätzlich, gegen die überkommene, diplomatiegeschichtlich akzentuierte, traditionelle Auffassung den eher sozial- und wirtschaftsgeschichtlich akzentuierten Ansatz seiner Hamburger Schule gestellt. Dieser hat Frucht getragen, und mit anderen Forschern, die deutsche Geschichtswissenschaft insgesamt wieder auf internationales Niveau gehoben. So erscheint es überfällig, Fischer, der die Hamburger Universität auf internationalem Parkett berühmt machte, in der deutschen Wissschenschafts-Republik den Platz einzuräumen, der ihm, jenseits allen kleinkarierten Streits, zukommt.
 

FreieWelt.net: Sie beziehen sich in ihrem Buch vor allem auf die Krisenkonferenzen im
Führungssystem des Deutschen Reiches und die Rolle des Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg. 

Dr. Bernd F. Schulte:
 Kurz gesagt behauptet die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft in Kontinuität, und immer wieder neuer Formulierung (seit 1959); die "Schuld am Ersten Weltkrieg" spiele "kaum noch eine Rolle innerhalb der Forschung" (Große Kracht, 2004). Dass der Begriff der "Krisenkonferenzen" im Kaiserreich, den ich 1980 prägte, noch bis in die jüngste Zeit benötigte, um von eben diesem Teil der der deutschen Geschichtswissenschaft akzeptiert zu werden, zeigt, wie wenig dieses Problem in Deutschland verarbeitet ist.

Worum geht es aber? Es geht um die vordergründige Abschwächung der Röhl/Fischer-These, am 8. Dezember 1912, dem sogenannten "Kriegsrat" bei Wilhelm II., sei, für einen Zeitpunkt in anderthalb Jahren, der Erste Weltkrieg beschlossen worden. Bereits der Streit um die tatsächliche Auswirkung dieser Konferenz hoher Vertreter von Armee und Marine beim Kaiser (Tirpitz wurde umgehend benachrichtigt); legte wiederum offen, wie heiß umkämpft die deutsche Verantwortlichkeit, im Bewusstsein der Historiker, nach wie vor war und ist.

Wie groß nun mein Interesse an dieser Frage war, zeigt die Tatsache, dass ich bereits in der Dissertation über die deutsche Armee von 1914 (1977) auf eine Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Feldmarschall Colmar von der Goltz erstmals Bezug nahm, die in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft zum 8. Dezember stattfand, und sich um die Möglichkeit eines Präventivkrieges, im Gefolge der türkischen Niederlagen im Herbst 1912, drehte. Bestand doch das Bestreben der konservativen Historikerfronde um Wolfgang J. Mommsen darin, auf die Abwesenheit des Reichskanzlers beim Kaiser, und damit eine Nichtbeteiligung der Politik, hinzuweisen. Diese Argumentation widerlegte mein Buch "Vor dem Kriegsausbruch 1914" (1980); das die Auswirkungen der Balkankrise auf den "decision making process" in Berlin, in den politischen und militärisch-strategischen Führungseliten, zum Gegenstand erhob. 

Bilden doch militärische Fragen, und der strategische Entscheidungskreis, den noch fehlenden "Schlußstein" der Fischerschen Argumentation. Es wurde gezeigt, dass - durchaus im Sinne einer Kriegsvorbereitung - nach dem Dezember 1912 ausgreifende Maßnahmen technischer, personeller und ausbildungstechnischer Art ergriffen wurden, die offensichtlich dazu führten, dass die deutsche Armee im Jahre 1913 nicht kriegsbereit war. Es wurden nämlich sämtliche Bereiche der Militärverwaltung von einer rasanten Aufrüstung (von der Konservendose bis zum Lederkoppel) ergriffen, was unmittelbar zu Engpässen führte. Quellen, die mir 1978 bekannt wurden, zeigen darüber hinaus, dass es sich im Umfeld der Kriegsentschluss-Problematik um ein breiter angelegtes Phänomen innerhalb der deutschen Führungsstruktur handelte. In der ersten Auflage des hier behandelten Buches aus dem Jahre 1983 wurde dementsprechend auf die "Krisenkonferenz" bei Bülow im Juni 1909 hingewiesen, die durch einen möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Krieg mit England veranlaßt war. Es fällt auf, dass sich die Diskussion im Grunde um die gleiche Problematik wie am 8. Dezember 1912 bewegte. 

Arbeiten an meinem demnächst erscheinenden Buch über "Politik und Militär im Kaiserreich" führten zu weiteren "Krisenkonferenzen", die in nächster Nähe zu den übrigen Vorkriegskrisen stattfanden. Erste Ergebnisse dieser Forschungen fanden im Annex des hier besprochenen Bandes Aufnahme, und führten zu der These vom "Institut der Krisenkonferenzen" in der deutschen Führungsspitze zwischen 1871 und 1914. Es handelte sich also ganz und gar nicht um etwas Besonderes, wenn die Spitzen von Politik und Militär sich in Berlin zusammenfanden, um über die nächsten Schritte, angesichts einer Krise mit Frankreich (1875); mit Russland und Frankreich (1877/79); mit Rußland (1887/89) - und schließlich mit Russland (1908/09)und, gegebenenfalls, England/Frankreich (1912/14) zu beraten. Die inhärente Brisanz des "Krisenkonferenz"-Begriffs hat die, begierig vor dem Begriff des "Kriegsrats" abgehende konservative Zunft übersehen.

Es bildet sich, abgesehen von den Details der verschiedenen Krisenabläufe im einzelnen, ein ausgesprochen dichtes Bild einer regen Interdependenz in der deutschen Führung. Und dies insbesondere zwischen den politischen und militärischen Ämtern. Von einer hochgradigen, und vermeintlich strukturbedingten, Polykratie in der politisch-militärischen Führungselite des deutschen Kaisereichs - wie Mommsen immer wieder behauptet hat - kann also, vor allem in Bezug auf die lebenswichtigen Fragen von Krieg und Frieden, keinesfalls gesprochen werden.

Im Zentrum der Berliner Politik, zumindest zwischen 1909 und 1917, stand und steht der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Es führt nicht weiter, wenn dieser Kanzler lediglich als Philosoph und wirklichkeitsfremder Politiker der Diagonale verstanden wird. Er war mehr. Ausgehend von den Vorstellungen seines Großvaters, des preußischen Kulturpolitikers und Staatsrechtlers, Moritz August von Bethmann Hollweg, in der Krimkriegphase, stand er ganz auf der liberalkonservativen Position der von diesem begründeten Wochenblatt-Partei im Preußen der "neuen Ära". So wollte der Kanzler seit 1909 Deutschland zwischen Russland und England stellen, Grossbritannien auf das Reich, durch eine - wie auch immer geartete - Neutralitätspolitik zuzwingen, und so Spielraum für die weiterhin offen gehaltene deutsche Europa- und Weltpolitik offenhalten. Dass dieses "Zuzwingen Englands", wie schon gesagt, in einem immer riskanteren "testing the entente" mündete, und gleichzeitig der deutsche Nimbus der Unbesiegbarkeit stetig abnahm, führte schließlich zum Scheitern der "Policy of Pretention" im Angesicht der Konfliktlage des Juni/ Juli 1914.

Nicht zuletzt wurde die Entscheidung des Reichskanzlers durch eine von mir hier erwähnte Denkschrift aus Wien vom 24. Juni 1914 gefördert, die offenlegte, es sei in den nächsten Monaten mit dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns - und damit dessen militärischer Präsenz - zu rechnen. In dem Augenblick des Fürstenmordes von Sarajevo hielt Bethmann Hollweg diese Denkschrift in Händen. Diese mag den Kanzler, in dramatischen Stunden, dazu bestimmt haben, einem Kriege im äußersten Falle zuzustimmen, da dieser dann noch mit Unterstützung Österreichs geführt werden könne. Eine Aufteilung Österreichs, ähnlich jener für die Türkei erwarteten, deren Schattenriß fiel in diesen Stunden zwischen dem 28. Juni und 5. Juli 1914 auf die dunkle Eichholztäfelung im Arbeitszimmer des Reichskanzlers auf Schloß Hohenfinow.

Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914. 
Norderstedt 2009, 404 S., 22,80 €. 
ISBN-10: 383702251X ISBN-13: 978-3837022513

Immer noch nicht verstanden: Politik ist KEIN Infotainment!

 

Gerhard Schröder hat die dreihundert Gäste des Handelsblatt-Kongresses „Asia Business Insights“gestern Abend in der Düsseldorfer „Meerbar“ beeindruckt: Auf Deutsch und Englisch brillierte er mit Wortwitz und Altersklugheit. So warb der ehemalige Bundeskanzler für Respekt gegenüber anderen Kulturen und verlangte im Flüchtlingsdrama mehr politische Führung. Das naiv anmutende Merkel-Postulat „Wir schaffen das“ wendete er ins Realistische: „Wir können das schaffen.“ Präzise nannte Schröder die dafür notwenigen Bedingungen. So wurden Tuschler zu Zuhörern und Zuhörer zu Fans. Selfie-Jäger umlagerten ihn anschließend, wie man es sonst nur von Rockkonzerten kennt. Oscar Wilde schoss einem in den Sinn: „Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.“ 

 HANDELSBLATT, 26.1.2016.

https://navigator.gmx.net/navigator/show?sid=efffdc880e779f720c2419d48ee84f96454adbaf267aa51485d959e89c129eed452e5beec15934ec029705da8b6e01b9#mail

Der Merkelismus ist unerträglich.

MERKEL MUSS WEG!

 

Frau Merkel macht die Grenzen auf und ermöglicht so die Attentate in Paris (SPIEGEL, 24.12.2015, S. 23 "Attentäter durchgewinkt"). Ein Staat gibt sich bereitwillig auf. Flüchtlinge "reisen" durch Europa. Bestimmen wo sie sich niederlassen. Überprüft, durchgesiebt wird nicht. Merkel sitzt in Berlin und macht sich nicht einmal auf, um vor Ort ein Signal zu setzen. Es wird noch besser, sie geht in Weihnachtsurlaub, als wenn gar nichts passiert wäre. Sie verwechselt permanent den Regierungsstil eines späten Honecker mit westlicher politischer Coutume! Weiter dreht sie das Gesicht Deutschlands - wie 1891!!! Bülow, Tirpitz und Wilhelm II. - erneut gegen Westen.

Es bleibt weiter auch der Landeschef Bayerns weit hinter seiner Pflicht zurück. Wer hindert ihn, mit Bundespolizei und Bundeswehr einen cordon sanitaire an der deutschen, südöstlichen Grenze zu schließen? Oder sind auch die Bayern blind? Wohin marschieren Flüchtlinge, wenn sie sich von Griechenland nach Nordost auf den Weg machen? Ist der bundesdeutsche Geheimdienst schon durch die Parlamente so paralysiert, dass er der Politik nicht berichtet? Eher ist wohl die deutsche Politik, in der allgemeinen Dekadenz, derart erratisch, dass diese dessen Berichte nicht mehr liest.

Denn, es ist für die Beust, Woverweit u.ä. der Stichtag für die Pension viel wichtiger als der Eid und damit der Staat!

Das treibt die Bürger in die Arme der Extremisten, die sich, aus diesen Gründen, weiter im Lande formieren. Aber auch die Polizeiführungen, vor allem der Innen- und Justizminister, fördern eher das Gelächter der Extremisten. Weiter auch, weil die Obersten Richter in Karlsruhe, auch keine Bücher lesen, sondern ihren desolaten, wirklichkeitsfremden, juristischen Prinzipien folgen - ohne politischen Verstand und Fingerspitzengefühl für die Praxis.

Kurzum. Deutschland erprobt seit 1918-33, ein weiteres Mal den Weg, wie Staaten in die Diktatur absinken können. Aber diesmal nicht für die Lehrbücher, nicht für die Illusion der versponnenen politischen Theoretiker oder weltfremde Bundestagsdiskussionen.

Hamburg, 7.1.2016                                                               Dr. Bernd F. Schulte

Barnimer Bürgerpost die unabhängige Leserzeitung

N R . 2 5 2  ·  2 2 .  J A H R G A N G  ·  A U S G A B E  1 / 2 0 1 6  V O M  5 . J A N U A R   2 0 1 6 

1854 – 1914 – 2014 (Teil 4):

EU als Hauptfeind der USA

von Dr. Bernd F. Schulte

Absteigende Weltmächte kompensieren ihren Machtverlust durch zunehmende Aggressivität. Diesen Weg beschritt im Jahre 1914 auch das Deutsche Reich.

Der Autor beleuchtet die Kontinuität in Sachen Ostexpansion vom Krimkrieg 1854, über die beiden Weltkriege hinweg, bis in die heutige Zeit.

 

Das in der jüngeren Vergangenheit international immer mehr um sich greifende Mittel der Militarisierung hat dazu geführt, daß heutige Gesellschaften zunehmend gefährdeter, Verlustbedrohter und Kriegsgefährdeter erscheinen.

Die Sicherheitsrisiken, die sich mittlerweile auf der Entscheidungsebene der Großstaaten und Bündnisse ergeben, mögen auch auf Fehlrechnungen der jeweils dominanten Sicherheitseliten zurückgehen und noch verschärfend

in einseitig militärisch charakterisierte internationale Machtauseinandersetzungen hineinwirken. Je überzeugender die militärischen Facheliten auch aufgrund technologischer Fortentwicklung voraussagen können, welche Mächte sich auf welcher Seite aufstellen werden, welche Machtmittel insgesamt und wo vereinigt sein können, um so überzeugender können diese Eliten den Ausgang eines solchen Krieges vorhersagen (1854 Palmerstone, Clarendon, 1914 Moltke/ Jagow, 1940 Blomberg, v.Brauchitsch).

Aber warum soll gekämpft werden? Die schwächere Seite will nicht, wie stärkere muß nicht kämpfen. Der Kompromiß, Schachmatt oder Kapitulation. Der Weg zum Krieg, in den Erwägungen der Führungseliten absteigender

Mächte, kann sich in folgenden Schritten vollziehen:

 

  1. Bewußtwerden nachlassender industrieller Fähigkeiten,(1854, 1914, 1991/2014),

  2. Erfahrung des Nachlassens der Kräfte in Bezug auf die eigene Einflußsphäre (1991ff.),

3. Verstärken von Bündnisverpflichtungen (1854, 1912/13, 2014),

4. Verstärken der militärischen Rüstung (1851/54, 1913/14, 2010ff.),

5. Zunehmende Verwicklung in militärische Auseinandersetzungen (1848ff., 1991ff.),

  1. Fortsetzung dieser Entwicklung, mit Zielrichtung auf den allgemeinen Krieg (1852ff., 1911/14, 2013).

 

Wie 1980, könnte die Wissenschaft heute die Antwort auf die Frage geben, wie lange solche sich mehr und mehr autistisch verhaltenden Mächte und Machtblöcke im Bewußtsein des Abschwunges ihrer Entwicklung zögern werden, mehr und mehr in Bedrängnis gebracht und durch Aufrüstung unter Druck gesetzt, zum Mittel des Krieges zu greifen. Heute handelt es sich um Rußland UND die USA. Dazu kann die sorgfältige Analyse der wirtschaftlichen, industriellen sowie der damit zusammenhängenden Kriterien verhelfen.

Auch für die Jahre vor 1870 fördert das ein Spektrum der »jungen Mächte« zutage, die geeignet schienen, die Seniorstaaten zu verdrängen. In den modernen Kriegen mehr als in den vorausgegangenen Jahrhunderten zeigt der

Umfang des militärisch-finanziellen Engagements des Siegers rund um die Erde den Grad der großmächtigen Potenz dieser Macht im Aufstieg auf den Gipfel oder deren Abstieg.

In unseren Tagen treten in diesem Zusammenhang verstärkt die USA in den Fokus des Interesses. Ein Ermüdungsprozeß der bisherigen Supermacht ist unverkennbar zwischen Korea, Berlin, Kuba, Vietnam, Persien einerseits und Kuwait, Irak, Afghanistan andererseits. Heute sind hinzugetreten: Nordafrika und Ägypten bis Syrien und Krim/Ukraine. Mittlerweile sind die zeitgeschichtlichen Entwicklungen über die Grundfragen der 80iger Jahre hinaus fortgeschritten. Dazu diente die Analyse von Militärausgaben und quantitativer Stärke der Armeen, das berühmte

»Panzerzählen« der Friedensforschungsinstitute. Eine mehr oder minder arg überschätzte Einrichtung, ging es doch auf diesen ertragreichen Feldern nicht so sehr um »Friedens-«, als vielmehr Kriegsforschung. Leitvektoren der Analyse bildeten unter anderem für die Zeit zwischen 1816 und 1970/80 die Eisen- und Stahlproduktion sowie der industrielle Energieverbrauch. Die »jungen Mächte« bildeten ein zentrales Ergebnis dieser Analysen. Ob dies nun für Preußen, Frankreich und Sardinien-Piemont um 1850 zutrifft oder für Deutschland und Japan in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Es ging und geht um die Verdrängung der Senior-Staaten. Die Parameter des Umfanges der Initiativen, Investitionen und des räumlichen Engagements nach erfolgreichen Kriegen sollte zeigen, ob der betreffende Sieger-Großstaat

sich noch im Aggregatzustand des Aufstieges oder bereits des Niederganges befand (befindet). Es ging 1850/1914 (zaristisches Rußland), und geht heute (1991/2014), um die Bestimmung des Momentes, in dem ein Nachlassen der Befähigung einer der Haupt- und Vormächte (UdSSR 1978-82/ Rußland 2014) gegeben ist, maßgebenden Einfluß auszuüben, wenn

 

a) diese in eine zunehmende Zahl militärischer Auseinandersetzungen verwickelt wird, wobei ein bloßer clash wohl kaum dazu führen wird, bis an den Rand eines Krieges zu gehen; allerdings könnte dieser Punkt überschritten werden, wenn eine Mobilmachung, ein Aufmarsch militärischer Kräfte, Gewaltanwendung oder Kampfhandlungen einträten (Krim, Donezk 2014/15); für die Beherrschbarkeit solcher Eskalationen mögen für Rußland 1953, 1956, 1967, 1968 sprechen

b) derartige militarisierte Streitigkeiten sich öfter innerhalb oder an den Rändern von Einflußzonen bündnispolitischer Nachkriegsbildungen finden als außerhalb derselben

c) die Ergebnisse derartiger Entwicklungen sich von Mal zu Mal ernüchternder gestalten (für die USA: 1952/53 Korea, 1956 Suez, 1958 Berlin, 1962 Kuba, 1978 Persien, 1963-1975 Vietnam; heute: Kuwait, Irak, Afghanistan, Syrien/

IS-Mossul).

 

Es ist zu erkennen, wie brisant sich die Lage inzwischen gestaltet. So muß die Politik der USA daraufhin untersucht werden, ob infolge vermehrter Rüstung das innenpolitische Prestige absinkt, dementsprechend gemäßigte Lösungen

an Attraktivität verlieren und einer zunehmenden Militarisierung der Außenpolitik Raum gegeben wird. Empirisch gefragt, bleibt zu klären, ob zunehmende Bündnisverpflichtungen verstärkte militärische Mobilmachungen zur Folge haben.

 

Vor dem Hintergrund dieser nunmehr ebenfalls labilen Machtlage der USA und der aus der inferioren Machtposition Rußlands hervorgehenden Offensive mit begrenztem Ziel im Donezbecken ergeben sich neue Gefährdungspotentiale. Denn die Konfliktpartner erscheinen beide angeschlagen und zu sämtlichen hier aufgezeigten Fehlreaktionen fähig. Ob es nun nsinnfällig wäre, ähnlich wie in den Jahren 1853 bis 55 zwischen England, Österreich, Preußen und Frankreich mit Rußland durchgeführt, in extenso und in Kontinuität zu verhandeln, führt wohl damals wie heute nicht zu dem Ergebnis, den beiderseits noch verführerischen kriegerischen Konflikt zu vermeiden.

Zu dem Ziel, dem Urteil der Geschichte, zu gelangen, mögen folgende Fragen führen:

 

Wie regelmäßig beginnt sich eine Nachkriegshierarchie aufzulösen?

Wie schnell, wie weitgehend geschieht das?

Erkennen nationale Sicherheits-Eliten die sich verändernden Macht- und Einflußkonfigurationen; wie frühzeitig vollzieht sich das?

  • Erkennen diese die Realität oder über- oder unterschätzen sie diese?

  • - Antworten diese, wie hypnotisiert, mit der Verstärkung ihrer Bündnis- und Militärverpflichtungen oder konzentrieren sich diese auf die Verstärkung der Armee – oder beides?

 

Falls die Neigung absinkender Mächte zu militarisierter und weniger einfallsreicher Außenpolitik geringere Erfolgsraten in Auseinandersetzungen hervorbringt, wird der Selbstbestätigungsprozeß verstärkt und lassen schließlich derartige Erfahrungen solche Mächte kriegsbereiter werden als die historische Erfahrung uns vermuten ließe?

Weiterhin steht die Frage nach dem Prozeß im Raum, durch welchen die Nationen fortfahren, das Wüten des Krieges denjenigen aufzuladen, die von ihnen Frieden erwarten. Ursache und Anlaß für diese Überlegungen war die Beobachtung, daß zwischen 1960 und 1980 sowohl die UdSSR als auch die USA sich mit einem äußerst zwiespältigen Absinken ihrer Befähigung konfrontiert sahen, internationale Ereignisse zu beeinflussen und zu kontrollieren.

Eine betonte Zunahme der Militarisierung der Außenpolitiken und die stetige Zunahme der Militäraufwendungen waren festzustellen. Es stand 1983/84 die Frage, ob die Sorge vor den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die

Menschheit im Vordergrund stand oder eher das Abklopfen der Machtbasis der UdSSR auf mögliche kriegerische Lösungen in Zentraleuropa.

Diese Frage wird heute, im Angesicht von Krim- und Donezkrise, neu gestellt. Daß es um eine mögliche Konfrontation zwischen den beiden Systemen geht und daß der Gedanke an die Vergleichsfälle 1852-54 und 1914 »die kriegerische Frivolität alternder Reiche« in jenen Jahren leitend waren, überrascht den Beobachter aus Deutschland weder damals noch heute. Ist doch die Erkenntnis des Jahres 1989 keinesfalls eine das bündnispolitische Vertrauen stärkende. Europa ist inzwischen aufgebrochen, selbst Weltmacht zu werden. Und die USA haben sich entschieden, dies zu verhindern.

Ein Riß verläuft dementsprechend durch die NATO. Provoziert letztendlich durch eine abgesetzte US-Außenpolitik gegenüber Rest-Rußland, das von Washington nicht mehr als Machtfaktor von bemerkenswerter Wertigkeit anerkannt wird. Entscheidend für alles, was folgt, mag sein, daß die USA – ähnlich wie England im Herbst 1853 – einseitig entschieden hat, die Machtpräsenz Rußlands endgültig entscheidend zu mindern. Und das in Fortsetzung der Schläge, die dieses 1991ff. Erlitten hat. Die Gegenbewegungen Rußlands sind in dieser Rechnung zu vernachlässigen.

 

Gleichzeitig erfüllt diese besondere Aggressivitätin der US-Außenpolitik eine weitere Bedingung für den heißen Konflikt, nämlich wird westlicherseits seit 1991 auf die EU-Politik der Ausdehnung nach Osten »draufgesattelt«. Damit aber zieht die EU – veranlaßt durch US-amerikanisches Vorgehen – jene Schläge (lokalisierter konventioneller Krieg in Europa) auf

sich, die sich dadurch ergeben, daß Rußland lediglich die EU, nicht aber die USA in der Ukraine treffen kann. Die USA weenrd möglicherweise dem expansionistischen Ziel England/Preußens 1854 und Deutschlands 1914 folgen. Mögen also die Generäle in Moskau auf die Frage – »was können wir gegen die USA tun(?)« – dasselbe geantwortet haben, wie Moltke in der Krisenkonferenz vom Juni 1909:

 

»wir können (lediglich) einen Krieg mit der Ukraine

vom Zaun brechen – mehr aber nicht«.

 

Alles Reden und Unterhandeln, also alle Politologie in der Geschichte in being (Steinmeier) wird, so traurig das ist, nicht weiterhelfen, wenn der Krieg im Vorhinein beschlossen ist, wie von England im Herbst 1853 auf Schloß Windsor, und in Deutschland vor 1914.

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Eindrücke des Marinekabinettchefs Georg Alexander von Müller

 

 

Wilhelm II. zu Admiral von Müller: "Mensch, wie sehen Sie denn aus. Ich werde Sie gleich nach Hause schicken, damit Sie sich erst einmal wieder herausfuttern."

Regiert wurde im Kaiserreich Wilhelms II., Sie mögen es glauben oder nicht, zumeist beim Frühstück; und das fand zwischen 1 und 3 Uhr nachmittags statt! Wie üblich fielen die Stimmungen des Kaisers auf, die die Nerven seiner Mitarbeiter bis zum Reißen anspannten. Was würde er vor fremden Gästen ausplaudern? In welche Fettnäpfchen würde er treten, und wie lange würde das Begängnis wieder einmal dauern?

Admiral Georg Alexander von Müller trat im Jahre 1905 als Personalchef der Marine in diese Verhältnisse ein, und schon nach kurzer Zeit zeigte seine Konstitution erste Schwächen. Sie war den Anforderungen der Bankette, Diners, Frühstücke und Bierabende nicht gewachsen. Im Januar 1906 war er noch rüstig. Früh morgens wurde geturnt, dann ging es ab zur Predigt des Müller von tiefster Seele verhaßten „Dorfpfaffen" und „Byzantininers", Kaiser-Pastor Göns. Darauf wurde gefrühstückt. Sie werden fragen: wie hielt Wilhelm II. all dies aus? Er empfing zum Beispiel den russischen Staatsrat Kokowzeff „spazieren gehend" im Sternsaal des Berliner Schlosses. Das war das Rezept des Kaisers für ein langes Leben. Später, in Holland im Exil, hackte er dann Holz – bis 1941.

Gegen Alkohol waren seine Majestät auch, zumindest noch im Jahre 1906. Müller jedenfalls litt aus tiefster Seele und notierte damals in seinem Tagebuch: „Wenn nur nicht die furchtbare Magenschlacht gewesen wäre!" Gegessen wurde nämlich nach der Oper. Hier waren es die „Meistersänger" und das Nachtsouper dauerte an bis nach Mitternacht. Was passieren mußte, geschah: Seine Majestät schlossen den Schnaps aus den Kantinen bei Armee und Flotte aus. Natürlich nicht bei Hofe.

 

"Wenn nur nicht die furchtbare Magenschlacht gewesen wäre", notierte Kabinettchef von Müller in seinem Tagebuch. Hinzu kam auch noch das "gräßliche Humpenleeren".

Immer wieder klagt von Müller über die„stumpfsinnigen Soupers" bei den Majestäten. Was folgte, liegt auf der Hand. Von Müller wurde magenkrank. Ende April 1906 war er krank zu Hause, mußte mit Hafergrütze vorlieb nehmen. Und damit es nicht besser wurde, war der Bierabend während der Kieler Woche eine ständige Einrichtung, der Müller erst mit der Zeit zu entkommen lernte. Die kurzen Nächte nahmen zu, weil der Magen zunehmend streikte. Daß der Beruf das Leiden nicht linderte, wurde auf der Manöver-Reise im September 1906 klar. Schlechte Unterbringung und Verpflegung auf einem der Linienschiffe führten zum Zusammenbruch. Wie immer in diesen Fällen wurde auch hier der Arzt sehr spät konsultiert. Bettruhe war die Folge. Zehn Tage Ruhe und der Gesundheit Leben wurden jedoch durch die Hochzeit des Großindustriellen Krupp in Essen – und das damit verbundene „sehr ausgedehnte Mahl" – am 15.9.1906 wieder überholt. Das „scheußliche Pokal austrinken", verbunden mit ausgedehntem Skatspiel auf den Jagdreisen des Kaisers, griffen den Kabinettchef erneut an. Schon im November kehrte die Erkrankung zurück. Von Müller schlief zunehmend schlechter. Hinzu kam eine aufkeimende Depression.

Aber all das ist mit einem Blick auf den Tagesablauf des Admirals erklärt. Das Tagebuch von Müllers gibt diese Zustände knapp wieder:

2. Januar 1907: „Admiralsfrühstück bei uns 20 Personen. Seine Majestät hielt fast drei Stunden Vortrag über Lage im Orient. Ziele der japanischen Politik etc. Es wurden schließlich Lichter angesteckt. Um 5 Uhr ging erst seine Majestät. Abends Diner der Kommandierenden Generale im Schloß" (Im Hotel Adlon kostete das Gedeck RM 27.-).

Die Folge: Magenschmerzen, Arztbesuch, Magenausspülung. Den Sonntag darauf verbrachte Admiral von Müller im Bett. Aber am 12. Januar war schon wieder Jagdangesagt. Die „Zwiebeln im Jagdfrühstück" brachten erneut Turbulenzen. Aber welchen Rang die Zeremonie des „Frühstükkens" einnahm, zeigt die Tatsache, daß im August ein Admiral beinahe zur Entlassung gekommen wäre, weil er lieber während einer Flottenübung der kaiserlichen Marine frühstückte, als taktisch führte. Im November 1907 – mit der Jagdsaison – folgten wieder Jagddiners mit dem „gräßlichen Humpenleeren".

Von Müller war erneut geplagt. Im Jahre 1908 kam der Zusammenbruch. Schmerzen und Schlaflosigkeit und „dabei der ganze Trubel der Kieler Woche mit permanenten Diners und Frühstücks" ließen selbst den Kaiser endlich den Gesundheitszustand seines Mitarbeites erkennen:


„Mensch wie sehen Sie denn aus. Ich werde Sie gleich nach Hause schicken, damit Sie sich erst einmal wieder herausfuttern" rief Wilhelm II. am 4. Juli 1907 aus.

Was folgte, war eine Magenoperation in Berlin. Am siebten Tag durfte von Müller schon „kräftigere Nahrung, geschabten Schinken, und geschlagenes, weichgekochtes Ei" essen. Nach einem Urlaub in Schweden finden sich kaum noch Bemerkungen zu Reaktionen des Magens in den Aufzeichnungen von Müllers. Auch das Essen als Gegenstand seiner Notizen tritt zunehmend zurück. Dafür drängen umso mehr die spannungsreichen Ereignisse im Vorfeld des Ersten Weltkrieges in den Vordergrund.

© Dr. Bernd F. Schulte
Quelle: Bundesarchiv - Militärarchiv Freiburg. N 159. Nachlaß Admiral von Müller.

 

Dieselgate
 
VW-Management wusste viel früher  Bescheid        
     
PremiumDer Abgasskandal ist für die VW-Führung weniger überraschend gekommen als bislang angenommen. Schon Mitte August räumte der Konzern gegenüber den US-Behörden Tricksereien ein. Der Aufsichtsrat wurde im Unklaren gelassen. 

 

Über das Teilgeständnis gegenüber den US-Behörden wurde im Management bereits im August geredet. Quelle: dpa
Volkswagen-Zentrale in Wolfsburg

Über das Teilgeständnis gegenüber den US-Behörden wurde im Management bereits im August geredet.

(Foto: dpa)

FrankfurtBereits am 19. August dieses Jahres – und damit mehrere Wochen früher als bisher vermutet – hätten Vertreter des Unternehmens bei einem Treffen mit der kalifornischen Umweltbehörde Carb teilweise zugegeben, dass es bei Dieselmotoren des Konzerns eine Einrichtung zur Beeinflussung der Abgaswerte gebe. Das geht aus einem als „streng vertraulich“ eingestuften Aktenvermerk der niedersächsischen Staatskanzlei hervor.

 
 

Alarmmeldung aus Dunkel-Deutschland.

Findet PARIS II in Ostdeutschland statt?

 

"...letzte Stunden hier im abgeschottenten Tiefschlaf.
Der Mob tobt tatsächlich. Es ist gruselig, was ich hier höre.
Die jungen Menschen im Osten " bewaffnen" sich. Tatsächlich leider in keinem Fall "nur" mit hohlen Parolen. Hier hörst und siehst Du ganz tief in die braue Suppe. Es ist gruselig - wirklich gruselig. Die gehen soweit, und machen Merkel für den Anschlag in Paris verantwortlich. Hier hörst Du Sätze, wie : "Wir deutschen Bürger werden bald nichts mehr zu fressen haben". Wo sind wir nur gelandet. Vieles geht durch meinen Kopf und es ist für dieses Minihandy zu viel. Die Buchstaben verschwimmen..

Bei facebook " trennen" sich plötzlich alte Freundschaften und es beginnt ein Verbalkrieg zwischen GUT und SCHLECHT. Das Thema Beziehung wird virulenter, je älter wir werden, und noch virulenter, wenn die Menschen, so dumm sich zeigen, wie im Moment. Schäuble, der vom Flüchtlingsströmen spricht,- Seehofer- was geht ab Bernd? Wenn Du hier hören würdest, was die jungen Menschen Ende zwanzig bis Mitte dreißig sprechen und tatsächlich tun, würdest Du das Wort "Bewaffnung" in keinem Fall als Übertreibung sehen. Ich bin müde ... der dummen Menschen sooooooo müde.

http://www.financial.de/news/agenturmeldungen/dj-pressetextde-aufstieg-oder-niedergang-deutschland-zwischen-mittelalter-und-postmoderne-buch-von-bernd-f-schulte-warnt-vor-dekadenz-und-verfall-in-deutschland/

 

AGENTURMELDUNGEN

13:35 | 16.06.2008 
 
DJ pressetext.de: “Aufstieg oder Niedergang” – Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne – Buch von Bern. Schulte warnt vor Dekadenz und Verfall in Deutschland

 

Hamburg (pts/16.06.2008/13:35) - Dass die deutsche Geschichte nicht von Gipfel
zu Gipfel stürmt, ist wohl jedem 1945 bewusst gewesen. Dass sich das
Bewusstsein, eine gescheiterte Großmacht auf dem Weg zur Weltmacht gewesen zu
sein, den Deutschen wieder abhanden kommt, ist uns heute präsent. Aber auch die
übrigen Mächte, aus denen sich die europäische Union zusammensetzt, sind, mehr
oder weniger, während der letzten Jahrhunderte abgestiegene Groß- und Weltmächte 

Es trifft in der Geschichte nun einmal nicht der Satz zu, dass "Minus mal Minus
Plus" ergebe. So trifft der neue Aufsatzband von Bernd F. Schulte, "Aufstieg
oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne", exakt eine
zentrale Frage unserer Zeit. Die nämlich nach der Zukunft Deutschlands und
Europas heute und Morgen. 

Dass sich Sch. dabei ostentativ auf Deutschland bezieht, mag der gängigen Lehre
bitter aufstoßen, ist diese doch seit Jahrzehnten bemüht, gerade den Blick von
Deutschland ab und den generalisierenden (da bemäntelnden) Momenten,
europäischen Zuschnitts, zuzuwenden. 

Schließlich sorgt sich Sch. offenbar um die grassierende Staatsverdrossenheit in
Deutschland heute und beginnt nicht zuletzt deshalb die Einleitung mit einem
Memento an die Französische Revolution, deren Ursachen und Wirkungen in der
Zeitspanne bis 1806. Schon die Einleitung zeichnet dezidiert den Weg Preußens
(stellvertretend für Deutschland) in die Niederlage von Jena und Auerstedt nach.
Über sich selbst weit hinausweisend, stellte der Reformer Gneisenau nach 1807
fest, das Ancien Régime habe ja in Preußen von Staats wegen den "Bürger nur zum
Steuernzahlen" benutzt. Eine zu späte, aber umso zutreffendere Anmerkung. 

"Vom Ständestaat zum Absolutismus" nämlich war die Masse der Menschen zumeist
dem Willen des Fürsten unterworfen. Der Staat, bestimmt durch die
Volksvertretung, den die Staatsrechtslehre in Europa seit dem 15. Jahrhundert
überwiegend forderte, kam nicht. Stattdessen bestimmten Dynasten, Tyrannen oder
Fürsten das Geschick der Staaten von oben herab. Erst denaturierte
Fürstenherrschaft führte zur Revolution. Seume, der Kronzeuge Schultes für die
Zustände im vorrevolutionären Deutschland, geißelte vor 1806 die Zustände auch
in Preußen. Fontane bot in seinen "Wanderungen", an mancherlei Stellen,
wenngleich vornehm verklausuliert, ein zutreffend detailliertes Bild der
folgenschweren Misswirtschaft unter dem, von Maitressen und Rosenkreuzern
beherrschten, König Friedrich Wilhelm II. So verlor Preußen, geistig, wie
praktisch-politisch-militärisch, die Verbindung zur zeitgenössischen
Entwicklung. Schulte ergänzt diesen kritischen Blick auf das "Modell Preußen"
vor 1806 um weitere Abschwünge der Entwicklung, wie Olmütz und die
Krimkriegphase, die wiederum Weichenstellungen der deutschen Geschichte
bedingten, die - historisch gesehen - zu zwei Weltkriegen führten. 

So erscheint auch das Kaiserreich der Hohenzollern als Teil des Niederganges,
der mit dem Ersten Weltkrieg zum entscheidenden Einbruch in der deutschen
Geschichte führte. Der "Zusammenbruch" von 1945 bildete den erklärten Tiefpunkt
dieser Entwicklung von den Glaubenkriegen des 16. Jahrhunderts, über den
Dreißigjährigen Krieg, bis hin zu den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts -
und den napoleonischen Kriegen. Im wesentlichen hat sich Europa auf diese Art
selbst entmachtet. Dass Deutschland heute, eingebunden in die europäische Union,
alle Anzeichen des Verfalls wie vor 1806 zeigt, bildet die These Schultes, die
in die Köpfe der Politiker Eingang finden sollte. Denn heute geht es in erster
Linie um eine Erneuerung der Staaten von innen heraus. Sonst droht ihnen ein
1806, als kampffähige Festungen (Magdeburg) sich, nach einem Kanonenschuss, dem
Feind ergaben. 

Rezension und Bestellmöglichkeit auf http://www.forumfilm.de (Extra Blatt). 

Bernd F. Schulte, Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und
Postmoderne. Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Bd. 4,
Norderstedt 2008, 400 S., 29,95 ?. ISBN 978-3-8334-4455-5. (Ende) 

Aussender: Extrablatt
Ansprechpartner: Dr. Bernd F. Schulte
Email: forumfilm65@netscape.net
Tel.: +49(0)40 551 00 07 

Quelle: http://pressetext.com/pte.mc?pte=080616028 

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Verantwortung für redaktionelle Meldungen (pte) liegt bei pressetext, für
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(END) Dow Jones Newswires

June 16, 2008 07:35 ET (11:35 GMT)

 

 

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N R . 2 5 0 · 2 1 . J A H R G A N G · A U S G A B E  1 1 / 2 0 1 5   VOM

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E R S C H E I N T  MO N AT L I C H · 1 E U R O

 

e r i n n e r t

14

 

1854 – 1914 – 2014 (Teil)

Kontinuum Ostexpansion 

 

von Dr. Bernd F. Schulte

 

Der Verlust der Stadt Sewastopol am 8. September 1855 brachte vor 160 Jahren die Entscheidung im Krimkrieg. Fast ein Jahr lang hatte sich die russische Armee gegen die Belagerung durch französische, britische, türkische und italienische Truppen behauptet. Der erste Teil befaßte sich mit der Haltung Preußens in diesem großen europäischen Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wie heute geht es um die Rolle Rußlands in Europa. Navalistische Mächte stehen wie 1854 gegen die Festlands-

macht. Damals sollten die preußisch-englischen Gemeinsamkeiten betont werden. Preußen stand vor der Entscheidung, wohin es kulturell-weltanschaulich gehören wollte. Ähnliches gilt heute für Deutschland oder gar die EU.

 

1914: Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg verfolgte dieses Ziel im Ersten Weltkrieg. Von Konstantin Frantz, über Felix Fürst Schwarzenberg bis zu Friedrich Naumann, Walther Rathenau1 und Theobald von Bethmann Hollweg führte die Idee, Europa unter preußisch-deutscher Führung zusammenzufassen. Die NATO/EU

heute greift nach Kiew – nicht Rußland. Ähnlich 1914, als es um nichtrussisch besiedelteTerritorien ging. Auch den Haß der Polen gegen die Russen, der am Leben erhalten werden sollte. Wie 1854 die Koalition gegen Rußland, so bildet die NATO heute keinen geschlossenen Block mehr. 1854 ging es um Annexionen an der Ostsee, Polen und Moldavien. 1914 ähnlich. Die Idee des »Volk ohne Raum« war geboren. Siedlungsland für verdiente Unteroffiziere sollte gewonnen werden. Oder, wie Ludendorff 1915 an Moltke schrieb, die Armee müsse befriedigt werden.

 

Die preußischen Konservativen standen 1854 ganz im Bann der Befreiungsbewegung von 1813. Sie erwarteten den Krieg mit Frankreich und sahen in einem Bündnis mit England lediglich dessen Funktion, korrespondierend mit der Verteidigung der Rheinlinie. Einerseits fürchtete das konservative Preußen Frankreich als den Hort der Revolution. Die Revolution war eine gefährliche Waffe gegen die Monarchien. Es wurde erwartet: ein preußisch-englisches Bündnis könne andererseits Rußland in die Isolierung treiben, und eine französisch-russische Annäherung heraufbeschwören.

 

Dieses essentielle Problem sollte sich Bismarck, auf anderer Ebene nach 1877 stellen, als auf der Höhe der Berliner Krise2 sich Hoffnungen, Gefährdungen, wie die Konstanten der Rechnung mischten, analog zu 1914 und heute. Doch der Weg der Modernisierung Preußens war steinig und lang. Aus der wirtschaftlichen Rezession zu Anfang des 19. Jahrhunderts ging Berlin gestärkt hervor. Der Niveauunterschied zu Westeuropa, der über 300 Jahre angedauert

hatte, wurde überwunden. Zwischen 1820 und 1850 brachte die Wachstumsrate in Landwirtschaft, Verkehrswesen und Industrie linear 1,2%. Im Deutschen Bund errang Preußen damit wirtschaftlich die Suprematie. Der militärisch-politische Sieg von 1866 über Österreich war industriell, wirtschafts- und finanzpolitisch (DDD-Banken) vorgezeichnet. Nur zögernd folgte die staatliche Verwaltung dieser neuen Entwicklung. Gleichwohl zeichnete sich die Regierung Manteuffel3 durch die, wenngleich zögernde, Überwindung der merkantilistischen Staatspraxis aus.

 

Bismarcks Außenpolitik war gekennzeichnet durch »Vorurteilsfreiheit ... und Realismus«. Ihm oblag es, nach dem Frieden von Paris 1856, mit dem der Krimkrieg endete, die Umorientierung der preußischen Außenpolitik zu vollziehen.

Frankreich war inzwischen zur ersten Macht in Europa aufgestiegen, und sollte der künftige Bündnispartner Preußens werden. Bismarck verfolgte das Ziel, den deutschen Mittelstaaten die Rheinbund-Option abzuschneiden. So begann

etwas völlig Neues, was mit dem Krimkrieg, dem wohl letzten Kabinettskrieg alten Stils, und dem Feldzug von 1859 in Norditalien, begonnen hatte. Daß die überkommene Pentarchie der europäischen Mächte Vergangenheit war, war allseits anerkannt. Die Stringenz des englischen Angriffsplans auf Rußland, das Diktum Bunsens vom »europäischen Generalkrieg« von Finnland bis zum Kaukasus wurde abgelehnt.

 

Wie sieht das Kriegsbild der NATO/EU von heute aus? Ist der Plan der NATO-Erweiterung ausgeträumt, weil die Mitgliedsstaaten ihre Armeen abgerüstet haben, und auf kurze Sicht ein Zusammenwirken mit den USA problematisch

erscheint? Trifft doch Friedrich Wilhelms Besorgnis zu, den Krieg mit Rußland eventuell allein ausfechten zu müssen? Damals, 1854, betrogen von Frankreich und England, heute den USA?

 

Anmerkungen (Quelle: Wikipedia):

1 – CONSTANTIN FRANTZ (1817 - 1891) war ein deutscher

Philosoph, Publizist, Mathematiker und

Politiker. Er stand zeitweise im diplomatischen

Dienst Preußens. Bekannt wurde er als politischer

Schriftsteller mit Bezug zum Junghegelianismus

und zur Romantik. Frantz war Vordenker

eines vom Heiligen Römischen Reich inspirierten

mitteleuropäischen Staatenbundes und Gegner

des von Bismarck nationalstaatlich verfaßten

Deutschen Reiches.

FELIX PRINZ (genannt Fürst) ZU SCHWARZENBERG

(1800 - 1852) war ein österreichischer Staatsmann,

Diplomat und Offizier. Von 1848 bis zu seinem

Tod 1852 war er österreichischer Regierungschef.

Auf ihn geht der Großösterreich- oder

Schwarzenberg-Plan zurück.

FRIEDRICH NAUMANN (1860 - 1919) war evangelischer

Theologe und liberaler Politiker zur Zeit

des Deutschen Kaiserreichs. Nach ihm ist die

FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

benannt. Sein im Herbst 1915 erschienenes

Buch »Mitteleuropa« wurde rasch zur meistgelesenen

deutschen Kriegszielschrift überhaupt.

Naumann forderte darin einen »liberalen Imperialismus

« für Deutschland.

WALTHER RATHENAU (1867 - 1922) war ein deutscher

Industrieller, Schriftsteller und liberaler

Politiker (DDP). Er wurde als Reichsaußenminister

der Weimarer Republik Opfer eines politisch

motivierten Attentats.

2 – Auf dem Berliner Kongreß im Juni/Juli 1878

versammelten sich nach dem Russisch-Türkischen

Krieg von 1877/78 die Vertreter der europäischen

Großmächte Deutsches Reich,

Österreich-Ungarn, Frankreich, Vereinigtes Königreich,

Italien und Rußland sowie des Osmanischen

Reiches, um die Balkankrise zu beenden

und eine neue Friedensordnung für Südosteuropa

auszuhandeln. Insbesondere ging es darum,

den Einfluß auf dem Balkan den Rußland infolge

des Friedens von San Stefano vom März 1878 gewonnen

hatte, wieder zurückzudrängen. Da ein

Krieg der Großmächte gegen Rußland drohte,

verzichtete Rußland auf einen großen Teil seiner

Ambitionen. Die Rivalität Österreichs und Rußlands

auf dem Balkan vertiefte sich und wurde

bis zum Ersten Weltkrieg zu einer Konstante in

der europäischen Politik.

3 – Otto Theodor Freiherr von Manteuffel (1805

bis 1882) war ein konservativer preußischer Politiker.

Von 1850 bis 1858 vollzog er als preußischer

Ministerpräsident..

 

Unbedingt empfehlenswert: Bernd F. Schulte, Deutsche Policy of Pretention, Der Abstieg eines Kriegerstaates 1871-1914, Hamburg/Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8370-2251-3

Durch dieses vorzügliche Buch, dem viele Leser zu wünschen sind, zu folgenden Stichworten angeregt:

Völlig zutreffend weist er die Polykratie-These vom Mommsen ua (“Unregierbarkeit” des Kaiserreichs, Byzantinismus, verschiedene Gruppen suchten Wilhelms Gunst etcetc) zurück. Auch ich habe diese These nie für plausibel gehalten. Dass innerhalb der Machtelite des Kaiserreichs – wie in der Machtelite eines jeden Staats – Vertreter unterschiedlicher Konzepte agierten, ist richtig, aber belanglos. Solche Gegensätze innerhalb von Machteliten gleichen sich immer aus – sei es durch Kompromisslösungen, sei es dadurch, dass eine Gruppe entmachtet wird (modernes Beispiel: Lafontaines Rücktritt 1999, als sich seine wirtschaftspolitische Konzeption gegen Schröders neoliberalen Kurs nicht durchsetzen konnte. Niemand wird die Bundesrepublik 1998/99 für unregierbar erklären mögen…). Das Kaiserreich war nicht unregierbar, es hat vielmehr konsequent seinen Ansatz “Weltpolitik” verfolgt, wenn auch mit unterschiedlichen Konzepten – bis 1912 Flotte gegen England, ab 1912 kontinental mit Versuchen, Englands Neutralität zu erlangen. Dass diese Weltpolitik 1914 den Krieg zu denkbar schlechten Bedingungen vorsätzlich auslöste, ist natürlich richtig. Grund: man hat es nie gewagt, die Tirpitz-Gruppe (Ausgleich mit Russland gegen England) wirklich kalt zu stellen, sondern agierte weiterhin de facto gegen Russland, Frankreich und England zugleich, dh mit faulen Kompromissen. Schon Riezler hat dies 1915 klar gesehen (im unstreitig authentischen Teil seiner TBs). Man kann sagen: Diese unterschiedlichen Konzepte wurden nie wirklich harmonisiert. Das kaiserliche Deutschland gab, weil die Gegner zeitgleich bekämpft wurden, diplomatisch zweifellos jahre-, jahrzehntelang den Ochs im Porzellanladen (mit seiner Policy of Pretention) und verfestigte so die Triple-Entente, anstatt sie zu sprengen. Selbst wenn wir, just for the argument, den Ansatz “Weltpolitik” einmal mitmachen: Wer Weltpolitik betreibt, darf dabei nicht auch noch ein Dummkopf sein. Aber dass Deutschland sich dumm verhalten hat bedeutet nicht, es sei unregierbar gewesen. Hier spielt dann übrigens doch, nicht trotz, sondern eben gerade wegen seiner Schwäche und seiner “deplorablen Leistungsbilanz” (Stefan Breuer) Kaiser Wilhelm eine entscheidende Rolle: Selbst nach dem Daily-Telegram-Desaster verstand sich niemand darauf, den unheilvollen Einfluß dieses restlos überforderten Menschen substanziell zu beschneiden. Vor allem deswegen nicht weil man mit dem grundsätzlichen Ansatz des Kaisers – “Weltpolitik” – ja völlig einverstanden war und ihn nicht wegen seines Konzepts kritisierte, sondern (zu recht natürlich) wegen seiner deutlich ins skurrile und peinliche hineinreichenden Praxis. Unregierbar meint ja: Subjektlos, keiner agiert, somit ist keiner verantwortlich…sehr bequem. Aber das Kaiserreich war nicht unregierbar. Es hat bei der gewollten Eskalation (Blankoscheck, danach Insistieren auf Lokalisierung) im Gegenteil stringent und (schein)rational agiert.

Falsch ist auch die Mommsen-These von der Versäulung der Bündnisse. Die Bündnisse waren damals nicht verfestigt a la Kalter krieg, sondern prinzipiell offen (Italien hat dies – eigenen Interessen folgend – gezeigt). Haldane-Mission 1912 darf mE getrost als verpasste Chance der deutschen Diplomatie gedeutet werden. Eine enge Abstimmung London-Berlin hätte aller Voraussicht nach den Krieg verhindert. Zum lächerlichen Getue um den deutschen Spion und die russisch-englischen Marinegespräche, um die insbesondere Münkler ja ein groß Gewese macht: a) Grey hat Berlin ja eben gerade nicht angelogen, sondern diese Gespräche Lichnowsky gegenüber eingeräumt – das war regelrecht eine vertrauensbildende Maßnahme Greys. (Was macht Münkler eigentlich den lieben langen Tag? Dokumente lesen kanns nicht sein.) b) Berlin hat im Frühjahr 1914 im Ulster-Konflikt/Irland heimlich Waffen nach Irland geliefert, um England zu destabilisieren…was ja beinahe auch gelungen wäre, noch den ganzen Juli über hat London den Ulsterkonflikt viel ernster genommen als den sich anbahnenden Balkankonflikt. Soviel mal zu fehlendem Vertrauen…und der Frage, wer das Verhältnis vergiftet hat. Von einem Quasi-automatischen way to war a la Mommsen kann keine Rede sein. Philosophisch gesprochen: Es ist an der Zeit, intentionale Handlungsmodelle zu rehabilitieren. Kriege entstehen, wenn jemand einen Krieg will und darüberhinaus die Macht sowie die Gelegenheit zu einem hat.

Zutreffend sieht er auch die Krisenkonferenzen, Plural, in denen sich der Entschluß zur Entfesselung des Krieges mehr und mehr verfestigte. Ab wann Bethmann persönlich den Krieg bejahte? Vielleicht hat er Theodor Wolff wirklich schlicht und einfach die Wahrheit gesagt (ab Januar 1914…). Ich neige dem inzwischen zu. Riezler 7. Juli scheint mir teilauthentisch; wie Fritz Fischer richtig sagte, legt selbst dieser Text (der angeblich ja Fischers Deutung den Boden entzogen haben soll) nahe, dass Bethmann primär den Krieg wollte und lediglich sekundär auch mit einem diplomatischen Sieg zufrieden gewesen wäre. Zu den Riezler-TBs hier meine 20 cent: Bis zum 27. Juli scheinen sie mir, mit einigen Umstellungen/Kürzungen (die es gegeben haben muss, denn sonst muss ich das Original nicht verschwinden lassen) teilauthentisch – aber es fehlen uns eben die vom 28.7.-14.8. Die entscheidenden. Ich vermute – das ist Spekulation, aber eine begründete -, dass uns diese Passagen Auskünfte darüber geben würden, wie ernst Bethmanns Vermittlungen vom 28. abends – 30. abends eigentlich gemeint waren. Tatsache ist, dass er sie in der Nacht zum 31. vorsätzlich abgebrochen hat und den Dingen ihren Lauf ließ.

Hochinteressant auch die reichhaltige Auswahl Schultes – Wenninger-TBs, dazu Berichte und Feldpostbriefe an seine Frau. Ferner kurze Auszüge Tarpen und Hopman. Skurril, dass ein wichtiger militärischer Funktionsträger wie Wenninger seine Frau mitten im Feldzug Herbst 14 anfragt, ob sie ihm nicht den Baedeker Nordostfrankreich zuschicken möge…Man kann das fast nicht glauben. Allerdings liegen von French ähnlich skurrile Berichte vor…

update: Leicht divergiere ich mit Schulte, was die Einschätzung der militärischen Fähigkeiten Deutschlands betrifft. Nicht, dass seine Kritik unstimmig wäre. Deutschlands Armee litt Mängel – was die Ausrüstung mit leichter Artillerie betraf (die allerdings duch die schwere einigermaßen wett gemacht wurde, wie Schulte ja auch sagt), vor allem aber natürlich taktisch. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass das deutsche taktische Vorgehen Sommer 14 – wie allerdings das aller anderen Armeen auch – inkompetent war und zu hohen Verlusten führte (die der Franzosen waren ebenfalls exorbitant)…dennoch wird man zugestehen müssen, dass die deutsche Offensive zunächst deutliche Erfolge zeitigte (im Gegensatz zur französischen), und die deutsche Armee, alles in allem, als die in Summe wohl doch beste Armee wird gelten müssen. Ich hoffe, ich bin des Verdachts enthoben, dies aus nationalen Gründen zu schreiben…man wird Churchills bekanntem Fazit hierzu nun wirklich kaum widersprechen können: Dass das Kaiserreich, mit unzulänglichen eigenen Verbündeten, viereinhalb Jahre gegen eine derartige Übermacht durchhielt und sogar, wenn man nicht solche hanebüchenen Fehler begangen hätte, Sieges-Chancen gehabt hätte, zumindest ein Patt hätte erreichen können, ist, rein militärisch betrachtet, schon eine exorbitante Leistung gewesen (nein, ich bin kein Bewunderer militärischer Leistungen; ich stelle einen sachverhalt fest). Kein U-Boot-Krieg 1917, bzw. Anfang 18 Sieg im Osten konsolidieren (und durch Ressourcenzuwachs aus dem Osten auch die wankenden Verbpündeten stützen) und im Westen auf massive strategische Defensive schalten…das wäre ein Konzept gewesen. Stattdessen dieses absurde Unternehmen Michael. Dieses Defensiv-Konzept war/wäre allerdings aus anderen Gründen unmöglich – nämlich wegen des enormen Einflußes der Siegfrieden-Partei. Dieses irrsinnige, selbst im Sinne des Konzepts “Weltpolitik” irrsinnige Alles-oder-nichts-Spiel der Firma Ludendorff, Claß und Consorten verursachte Deutschlands militärische Niederlage 1918 und letztlich auch Deutschlands Finaldesaster. Und der massive Einfluß der ‘Alldeutschen’ (darunter fasse ich jetzt mal alle zusammen, die seit ca 1890 das Spiel “Weltmacht oder Untergang” spielten, also nicht nur den Verbamnd selber) macht in meinen Augen dann auch den deutschen Sonderweg aus, der für mich keine Theorie sondern eine unstreitige Tatsache ist. Irgend etwas lief in Deutschland ab ca 1890 schief. Nicht, dass ‘die anderen’ nicht auch imperial agierten, völkisch agierten, als Sozialdarwinisten und Eugeniker agierten…Aber allein in Deutschland gab es innerhalb der bürgerlichen Intelligenz diese übermächtige Präferenz für faschistoide, und wenn man sich Claß Buch von 1913 ansieht muss man sagen: schlicht schon faschistische Tendenz ohne große gesellschaftliche Gegenwehr. Frankreich hatte die Anti-Dreyfussards, richtig, und sie waren schlimm…aber Frankreich hatte auch einen Zola. In Deutschland aber waren, um mal zwei Namen zu nennen, Heinrich Mann und Franz Pfemfert auf verlorenem Posten. Selbst und gerade die SPD kuschte dann vor dem Begehren der Alldeutschen – insbesondere gilt das für Weimar.

 

https://julikrise.wordpress.com/tag/bernd-f-schulte/

Historische Sammlung über Karl Lamprecht wird veröffentlicht

19.10.2015 22:02 Uhr
 
http://www.mz-web.de/jessen/historisches-sammlung-ueber-karl-lamprecht-wird-veroeffentlicht,20641004,32201150.html
 

So sieht der Einband des neuen Lamprecht-Buchs aus.

(BILD: THOMAS CHRISTEL)
VON DETLEF MAYER
Der Universitätsverlag Leipzig veröffentlicht eine Sammlung von Aufsätzen, die den in Jessen geborenen Historiker aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.
 
 
JESSEN. 

Von einigen Jessenern wird Karl Lamprecht gern als der größte Sohn der Kleinstadt an der Schwarze Elster bezeichnet. Sein, wie sich inzwischen erwiesen hat, nachhaltiges Wirken als Historiker und seine umfängliche wissenschaftlich-literarische Hinterlassenschaft rechtfertigen diesen inoffiziellen Titel ohne Frage.

Aber auch geschichtlich weniger Interessierten, dafür aber lokalpatriotischen Jessenern hat der Pfarrerssohn bis heute etwas zu sagen. Seine „Kindheitserinnerungen“ - nach Lamprechts Tod, im März 1918 von seinen Töchtern Marianne und Else als Broschüre herausgegeben - in denen er Jessen auf einmalige Weise ein Denkmal setzt, sind immer wieder ein beliebter Lesestoff. Und im Elstertal zudem sicher mehr Leuten ein Begriff als Lamprechts „Deutsche Geschichte“ in zwölf Bänden.

 

Auch für Nichthistoriker

Immer wieder wird von Fachleuten betont, dass man Karl Lamprecht nicht auf seine Aktivitäten als Historiker oder den Methodenstreit der Geschichtswissenschaft beschränken dürfe, um ihm gerecht zu werden und sein Engagement in seiner Zeit verstehen zu können. In dieser Hinsicht einen sehr wertvollen und zudem auch für Nichthistoriker durchaus lesbaren Beitrag liefert der Band „Karl Lamprecht (1856 - 1915) - Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“. Herausgegeben wurde das 357 Seiten starke Buch (ISBN 978-3-86583-938-1, Preis: 19 Euro) vom Leipziger Universitätsverlag in Verantwortung von Jonas Flöter und Gerald Diesener (Geschäftsführer des Verlags). Den Anlass dafür bot der hundertste Todestag Lamprechts im zurückliegenden Mai.

Das Werk vereint Aufsätze von insgesamt 17 Autoren, die Karl Lamprechts Rolle und Bedeutung aus ganz unterschiedlichen Ansätzen heraus betrachten und analysieren. So heißt es dazu im Klappentext: „Wenn in diesem Buch dem Wirken des Leipziger Historikers Karl Lamprecht nachgespürt wird, richtet sich die Aufmerksamkeit weit über diesen Gesichtspunkt (gemeint ist der Methodenstreit um eine zeitgemäße wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte - die Redaktion) hinaus auf eine Würdigung des vor hundert Jahren Verstorbenen, und dies aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Denn er war zweifellos ein immens fleißiger Historiker, aber ebenso auch ein umtriebiger Hochschullehrer, nicht selten auch direkt ein homo politicus, der sich stets voller Leidenschaft in die Kontroversen seiner Zeit stürzte, und insgesamt ein Intellektueller im besten Sinne des Wortes. Die hier versammelten Ergebnisse jüngerer biografischer Spurensuche zeichnen das facettenreiche Porträt eines Mannes, der in der Zeit vom ausklingenden 19. Jahrhundert bis an die Schwelle zum Ersten Weltkrieg zu jenen Geistern zählte, die Deutschlands Ruf in dieser Zeit ausmachten und von dem sich eine weltweite Schar von Jüngern faszinieren ließ.“

Im Vorwort der Herausgeber wird dem Interessierten ein weicher Zugang zum Studium des Buches angeboten und ein Weiterlesen schmackhaft gemacht: „Gänzlich anders als einhundertste Geburtstage ist die einhundertste Wiederkehr des Todestages eines Wissenschaftlers vor allem ein untrüglicher Indikator über die von ihm ausgehenden Nachwirkungen.“ Denn man werde sich eines schon so lange Verstorbenen nur erinnern, „wenn er aus der Masse seiner inzwischen längst vergessenen Zeitgenossen herausragt. Das ist im Fall Karl Lamprecht nicht anders.“

Mit der Einordnung des Schaffens von Karl Lamprecht befasst sich in dem Buch Bernhard vom Brocke. Sein Aufsatz, der in dieser Hinsicht einen Überblick offeriert, heißt „Leben und Werk im Kontext der Wissenschaftsentwicklung“.

 

Bleibendes und Zeitbedingtes

Daraus stammen diese Sätze: Karl Lamprecht „zählte zu den Außenseitern unter den deutschen Historikern. Zu Lebzeiten wurde er von den meisten Fachkollegen wegen seines missionarischen Auftretens als Künder eines ,neuen Evangeliums historischer Wissenschaft’ (Arley Barthlow Show) abgelehnt, wegen seiner angeblich dem ,historischen Materialismus’ verhafteten Geschichtsauffassung von Fachkollegen denunziert sowie wegen der Propagierung ,westlicher’ demokratisch-liberaler Tendenzen als ,Irrlehrer’ (so Friedrich Meinecke, 1862 - 1954) und vom ,westlichen’ Positivismus beherrschter ,Fremdkörper’ bekämpft. Außerhalb der deutschen Historikerzunft und vor allem bei den Historikern im Ausland erstrahlte sein Ruhm umso heller. Erst seit den 1970er Jahren wurden Lamprechts frühe bahnbrechende Leistungen auch in Deutschland wieder vorurteilsloser gewürdigt, als Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Landeshistoriker, als genialer Wissenschaftsorganisator und ideenreicher Kulturpolitiker. Erst seitdem wird zwischen dem Bleibenden und dem Zeitbedingten unterschieden.“

Zu dieser Unterscheidung heißt es einen Absatz später bei Bernhard vom Brocke: „Auf den Gebieten der Landesgeschichte und Sozialgeschichte auf landesgeschichtlicher Grundlage liegen Lamprechts bleibende wissenschaftliche Leistungen. Zeitbedingt aber waren im Zeitalter des Siegeszuges der Naturwissenschaften sein wissenschaftsgläubiger Fortschrittsoptimismus, seine Forderung einer Erhebung der Geschichtswissenschaft in den Rang einer (Natur-) Wissenschaft und sein Glaube an die Lösbarkeit aller historischen Probleme durch empirische Forschung und Ergründung historischer Gesetze.“

Die insgesamt 17 Aufsätze des Bandes „Karl Lamprecht (1856 - 1915) - Durchbruch in der Geschichtswissenschaft“ gliedern sich neben dem Einstieg in folgende fünf Kapitel: „Wege zur Wissenschaft“, „Geschichtstheorie“, „Methodenstreit“, „Universitätsreform“ und „Lamprecht heute“, letzteres mit Beiträgen von Gerald Diesener und Roger Chickering (von der Georgetown University, Washington D.C.). (mz)

 Barnimer Bürgerpost  d i e  u n a b h ä n g i g e  L e s e r z e i t u n g  N R . 2 3 7 · 2 0 .  J A H R G A N G · A U S G A B E  1 0 / 2 0 1 4   V O M  1 4 . O K T O B E R  2 0 1 4 · E R S C H E I N T  M O N AT L I C H · 1 E U R O 

e r i n n e r t

14

Eine Denkschrift vom Juni 1914 mit Folgen:

Die Schale des Krieges senkt sich

 

Im Umfeld des 100. Jahrestags des Beginns des 1. Weltkriegs verstärkten sich Wort-

meldungen wie die des Australiers Christopher Clark, der in seinem Buch »Die Schlafwandler

wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog« behauptet, die europäischen Mäch-

te wären nur aus Unfähigkeit ihrer Politiker in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

hineingeschlittert. Die historischen Tatsachen sollen zurechtgebogen werden, damit

sie nicht als Ballast der künftigen »Verantwortung Deutschlands«, wie BuPrä Gauck die

zunehmende Agg ressivität führender Kreise der BRD umschreibt, im Wege zu stehen.

Was Rosa Luxemburg schon 1915 ihrer »Junius-Broschüre« erkannt und der BRD-Hi-

storiker Fritz Fischer Anfang der 1960er Jahre in seinem Buch »Griff nach der Weltmacht

« anhand von Archivdokumenten bewiesen hatte, soll in Vergessenheit geraten.

Doch nun gibt es neu entdeckte Dokumente aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg,

welche die »Schlafwandler-These« widerlegen. Schon seit längerem ist aktenkundig,

daß die deutschen Führungseliten spätestens nach dem 1. Balkankrieg in den Krisen-

konferenzen vom November und Dezember 1912 die Weichen auf den »Großen Krieg«

gestellt hatten. Damals war klar geworden, daß die militärische Überlegenheit, auf die

Deutschland seit dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bauen konnte,

bröckelte. Im Frühsommer 1914 hatten sich die internationalen Widersprüche weiter

zugespitzt. In dieser Situation erhielt Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg

von seinem Cousin, Legationsrat an der deutschen Botschaft in Wien, eine Denk-

schrift zur katastrophalen wirtschaftlichen Lage Österreich-Ungarns. Das war unmit-

telbar vor dem Attentat von Sarajewo. Unser Autor Dr. BERND SCHULTE macht auf

Fakten aufmerksam, wonach die ausschlaggebende Denkschrift vom 24. Juni 1914

möglicherweise nicht zufällig zu diesem Termin geliefert wurde.

 

Selbstverständlich gründeten die Entscheidungen der Berliner Politiker auf den Zusicherungen der Militärs und deren Zutrauen in die militärische Überlegenheit der deutschen Waffen. Selbst die Kritiker des Kanzlers, die Bülows und Schön, 1914 der Botschafter des Reichs in Paris, vertrauten einerseits darauf, es werde sich um einen kurzen Krieg handeln,

und setzten andererseits festes Vertrauen in den Generalstabschef von Moltke. Doch bemäntelten derartige Äußerungen Fehler, die bereits zu Beginn des Jahrhunderts, bei der Besetzung der Stelle des Chefs des Generalstabs begangen wurden. Der jüngere Moltke reichte nun einmal nicht an seinen großen Onkel heran. Bereits im Verlauf des Krieges, als deutlich wurde, wie aussichtslos die Lage sich entwickelte, hat selbst der Kanzler im persönlichen Gespräch Zweifel an den Vorkriegsplanungen,

insbesondere der Militärs, geäußert. Derartige Zweifel werden weiter durch ältere Beamte, wie etwa Botho von Wedel, unterstützt, welche die fehlerhaften Annahmen der militärischen Führung und des Auswärtigen Amtes als Ausgangspunkte einer falschen Politik deklarieren. Die überoptimistische Einschätzung der deutschen Armee und überbordendes Vertrauen in deren Leistungsfähigkeit, der »heiligen Kuh« deutscher Selbsteinschätzung, wie Wedel nachweist, habe – durch Bethmann Hollweg, Jagow, Zimmermann und andere Diplomaten übernommen, dazu geführt, eine überharte »Policy of Pretention« zu verfolgen. Jedenfalls gehörte die politische Administration dieser Jahre, später der so genannte »Bethmann Kreis«, zumindest nicht zu den Vertretern einer pazifistischen Politik. Das gab selbst bereits Bernhard W. von Bülow zu, der zu diesem Kreis zählte. Wie nach der Aktenlage nicht anders zu erwarten, sind uns nur wenige Beiträge des Reichskanzlers überkommen, die zu diesen Fragen aus seiner Sicht Stellung beziehen. So die Denkschrift für den Untersuchungsausschuß des Reichstages 1919, welche sich, in deren zentralem Anliegen, auf den »Wert der Erhaltung nder österreichisch-ungarischen Machtstellung « bezog. Indem der vormalige Reichskanzler ganz die Einbahnstraßen des österreichischen Bündnisses beschrieben und die deutsche »Weltstellung« von der »Unabhängigkeit« Österreichs abhängig machte, suchte er ausschließlich sein Konzept für die Anfangsphase des Ersten Weltkrieges zu begründen.

 

Das Problem, vor dem die deutsche politische Führungsspitze im Juni 1914 stand, bestand in einem, wie Bethmann Hollweg schreibt, »angeblich sterbenden Österreich«, was die »Isolierung des Deutschen Reiches« nach sich gezogen hätte. Ja, der frühere Reichskanzler betonte, »die Weltlage« sei »starr geworden und» habe

»sich seit den letzten beiden Balkankriegen auf der allgemein unveränderten Basis nur insofern weiter entwickelt, als die deutschfeindliche Koalition nach dem Anschluß Englands an den russisch-französischenchen. Dietrich Bethmann Hollweg prophezeit den Zusammenbruch Österreich-Ungarns chen und Vorbereitungen eine diplomatisch und militärisch gebundene Konsistenz gewonnen hatte.« 

Es tritt im Folgenden allseits hervor, wie aggressiv West- und Ostmächte die Lage für einen kommenden Krieg nutzten. Zentral die Absicht Serbiens, Teile aus Österreich herauszubrechen, und damit den Aufteilungsprozeß der Donaumonarchie einzuleiten. Auch das Zusammenspiel zwischen Petersburg, Belgrad und London wird überdeutlich. Bethmann Hollweg, allgemein als England-Philantrop verstanden, erscheint hier völlig eingedenk der tiefgegründeten Gegnerschaft Londons gegenüber Berlin und damit der geringen Aussichten einer deutschen englischen Entspannung.

Petersburgs Kriegsziel sei gewesen, »Österreich